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Full text of "Kabale und Liebe"

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The Project Gutenberg EBook of Kabale und Liebe
by Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller

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Title: Kabale und Liebe

Author: Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller

Release Date: September, 2004  [EBook #6498]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on December 22, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE ***





This book content was graciously contributed by the Gutenberg
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http://gutenberg2000.de.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur
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http://gutenberg2000.de erreichbar.




Friedrich Schiller


Kabale und Liebe

Ein buergerliches Trauerspiel.



---------------------------------------------

Personen:

Praesident von Walter,  am Hof eines deutschen Fuersten.
Ferdinand,  sein Sohn, Major.
Hofmarschall von Kalb.
Lady Milford,  Favoritin des Fuersten.
Wurm,  Haussecretaer des Praesidenten.
Miller,  Stadtmusikant oder, wie man sie an einigen Orten
  nennt, Kunstpfeifer.
Dessen Frau.
Luise,  dessen Tochter.
Sophie,  Kammerjungfer der Lady.
Ein Kammerdiener des Fuersten.
Verschiedene Nebenpersonen.




Erster Akt.



Erste Scene.

Zimmer beim Musikus.


Miller steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die
Seite.  An einem Tisch sitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und
trinkt ihren Kaffee.


Miller (schnell auf- und abgehend).  Einmal fuer allemal!  Der Handel
wird ernsthaft.  Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geschrei.
Mein Haus wird verrufen.  Der Praesident bekommt Wind, und kurz und
gut, ich biete dem Junker aus.

Frau.  Du hast ihn nicht in dein Haus geschwatzt--hast ihm deine
Tochter nicht nachgeworfen.

Miller.  Hab' ihn nicht in mein Haus geschwatzt--hab' ihm 's Maedel
nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon?--Ich war Herr im Haus.
Ich haett' meine Tochter mehr coram nehmen sollen.  Ich haett' dem
Major besser auftrumpfen sollen--oder haett' gleich Alles Seiner
Excellenz, dem Herrn Papa, stecken sollen.  Der junge Baron bringt's
mit einem Wischer hinaus, das muss ich wissen, und alles Wetter kommt
ueber den Geiger.

Frau (schluerft eine Tasse aus).  Possen!  Geschwaetz!  Was kann ueber
dich kommen?  Wer kann dir was anhaben?  Du gehst deiner Profession
nach und raffst Scholaren zusammen, wo sie zu kriegen sind.

Miller.  Aber, sag mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch
herauskommen?--Nehmen kann er das Maedel nicht--Vom Nehmen ist gar die
Rede nicht, und zu einer--dass Gott erbarm?--Guten Morgen!--Gott, wenn
so ein Musje von sich da und dort, und dort und hier schon
herumbeholfen hat, wenn er, der Henker weiss! was als? geloest hat,
schmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf suess Wasser zu
graben.  Gib du Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Astloch ein
Auge strecktest und vor jedem Blutstropfen Schildwache staendest, er
wird sie, dir auf der Nase, beschwatzen, dem Maedel Eins hinsetzen und
fuehrt sich ab, und das Maedel ist verschimpfiert auf ihr Lebenlang,
bleibt sitzen, oder hat's Handwerk verschmeckt, treibt's fort.  (Die
Hand vor der Stirn) Jesus Christus!

Frau.  Gott behuet' uns in Gnaden!

Miller.  Es hat sich zu behueten.  Worauf kann so ein Windfuss wohl
sonst sein Absehen richten?--Das Maedel ist schoen--schlank--fuehrt
seinen netten Fuss.  Unterm Dach mag's aussehen, wie's will.  Darueber
guckt man bei euch Weibsleuten weg, wenn's nur der liebe Gott
parterre nicht hat fehlen lassen--Stoebert mein Springinsfeld erst
noch dieses Kapital aus--he da! geht ihm ein Licht auf, wie meinem
Rodney, wenn er die Witterung eines Franzosen kriegt, und nun muessen
alle Segel dran, und drauf los, und--ich verdenk's ihm gar nicht.
Mensch ist Mensch.  Das muss ich wissen.

Frau.  Solltest nur die wunderhuebsche Billeter auch lesen, die der
gnaedige Herr an deine Tochter als schreiben thut.  Guter Gott! da
sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur um ihre schoene Seele zu
thun ist.

Miller.  Das ist die rechte Hoehe.  Auf den Sack schlaegt man, den Esel
meint man.  Wer einen Gruss an das liebe Fleisch zu bestellen hat,
darf nur das gute Herz Boten gehen lassen.  Wie hab' ich's gemacht?
Hat man's nur erst so weit im Reinen, dass die Gemuether topp machen,
wutsch! nehmen die Koerper ein Exempel; das Gesind macht's der
Herrschaft nach, und der silberne Mond ist am End nur der Kuppler
gewesen.

Frau.  Sieh doch nur erst die praechtigen Buecher an, die der Herr
Major ins Haus geschafft haben.  Deine Tochter betet auch immer draus.

Miller (pfeift).  Hui da!  Betet!  Du hast den Witz davon.  Die rohen
Kraftbruehen der Natur sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu
hart.--Er muss sie erst in der hoellischen Pestilenzkueche der
Belletristen kuenstlich aufkochen lassen.  Ins Feuer mit dem Quark.
Da saugt mir das Maedel--weiss Gott, was als fuer?--ueberhimmlische
Alfanzereien ein, das laeuft dann wie spanische Mucken ins Blut und
wirft mir die Handvoll Christenthum noch gar auseinander, die der
Vater mit knapper Noth soso noch zusammenhielt.  Ins Feuer, sag' ich.
Das Maedel setzt sich alles Teufelsgezeug in den Kopf; ueber all dem
Herumschwaenzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimath
nicht mehr, vergisst, schaemt sich, dass sein Vater Miller der Geiger
ist, und verschlaegt mir am End einen wackern ehrbaren Schwiegersohn,
der sich so warm in meine Kundschaft hineingesetzt haette--Nein!  Gott
verdamm mich!  (Er springt auf, hitzig.) Gleich muss die Pastete auf
den Herd, und dem Major--ja ja, dem Major will ich weisen, wo Meister
Zimmermann das Loch gemacht hat.  (Er will fort.)

Frau.  Sei artig, Miller.  Wie manchen schoenen Groschen haben uns nur
die Praesenter-Miller (kommt zurueck und bleibt vor ihr stehen).  Das
Blutgeld meiner Tochter?--Schier dich zum Satan, infame Kupplerin!
--Eh will ich mit meiner Geig' auf den Bettel herumziehen und das
Concert um was Warmes geben--eh will ich mein Violoncello zerschlagen
und Mist im Sonanzboden fuehren, eh ich mir's schmecken lass' von dem
Geld, das mein einziges Kind mit Seel' und Seligkeit abverdient.
--Stell den vermaledeiten Kaffee ein und das Tobackschnupfen, so
brauchst du deiner Tochter Gesicht nicht zu Markt zu treiben.  Ich
hab mich satt gefressen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt,
eh so ein vertrackter Tausendsasa in meine Stube geschmeckt hat.

Frau.  Nur nicht gleich mit der Thuer ins Haus!  Wie du doch den
Augenblick in Feuer und Flammen stehst!  Ich sprech ja nur, man muess'
den Herrn Major nicht disguschthueren, weil Sie des Praesidenten Sohn
sind.

Miller.  Da liegt der Haas im Pfeffer.  Darum, just eben darum muss
die Sach noch heut auseinander.  Der Praesident muss es mir Dank wissen,
wenn er ein rechtschaffener Vater ist.  Du wirst mir meinen rothen
plueschenen Rock ausbuersten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz
anmelden lassen.  Ich werde sprechen zu seiner Excellenz: Dero Herr
Sohn haben ein Aug auf meine Tochter; meine Tochter ist zu schlecht
zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine
Tochter zu kostbar, und damit basta!--Ich heisse Miller.



Zweite Scene.

Secretaer Wurm.  Die Vorigen.


Frau.  Ah guten Morgen, Herr Sekertare!  Hat man auch einmal wieder
das Vergnuegen von Ihnen?

Wurm.  Meinerseits, meinerseits, Frau Base!  Wo eine Cavaliersgnade
einspricht, kommt mein buergerliches Vergnuegen in gar keine Rechnung.

Frau.  Was Sie nicht sagen, Herr Sekertare!  Des Herrn Majors von
Walter hohe Gnaden machen uns wohl je und je das Blaesier; doch
verachten wir darum Niemand.

Miller (verdriesslich).  Dem Herrn einen Sessel, Frau.  Wollen's
ablegen, Herr Landsmann?

Wurm (legt Hut und Stock weg, setzt sich).  Nun! nun! und wie
befindet sich denn meine Zukuenftige--oder Gewesene?--Ich will doch
nicht hoffen--kriegt man sie nicht zu sehen--Mamsell Luisen?

Frau.  Danken der Nachfrage, Herr Sekertare.  Aber meine Tochter ist
doch gar nicht hochmuethig.

Miller (aergerlich, stoesst sie mit dem Ellenbogen).  Weib!

Frau.  Bedauern's nur, dass sie die Ehre nicht haben kann vom Herrn
Sekertare.  Sie ist eben in der Mess, meine Tochter.

Wurm.  Das freut mich, freut mich.  Ich werd' mal eine fromme,
christliche Frau an ihr haben.

Frau (laechelt dumm-vornehm).  Ja--aber, Herr Sekertare-Miller (in
sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren).  Weib!

Frau.  Wenn Ihnen unser Haus sonst irgend wo dienen kann--mit allem
Vergnuegen, Herr Sekertare-Wurm (macht falsche Augen).  Sonst irgendwo!
Schoenen Dank!  Schoenen Dank!--Hem! hem! hem!

Frau.  Aber--wie der Herr Sekertare selber die Einsicht werden
haben-Miller (voll Zorn seine Frau vor den Hintern stossend).  Weib!

Frau.  Gut ist gut, und besser ist besser, und einem einzigen Kind
mag man doch auch nicht vor seinem Glueck sein.  (Baeurisch-stolz.) Sie
werden mich ja doch wohl merken, Herr Sekertare?

Wurm (rueckt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an
Manschetten und Jabot).  Merken?  Nicht doch--O ja--Wie meinen Sie
denn?

Frau.  Nu--nu--ich daechte nur--ich meine, (hustet) weil eben halt der
liebe Gott meine Tochter barrdu zur gnaedigen Madam will haben-Wurm
(faehrt vom Stuhl).  Was sagen Sie da?  Was?

Miller.  Bleiben sitzen!  Bleiben sitzen, Herr Secretarius!  Das Weib
ist eine alberne Gans.  Wo soll eine gnaedige Madam herkommen?  Was
fuer ein Esel streckt sein Langohr aus diesem Geschwaetze?

Frau.  Schmaehl du, so lang du willst.  Was ich weiss, weiss ich--und
was der Herr Major gesagt hat, das hat er gesagt.

Miller (aufgebracht, springt nach der Geige).  Willst du dein Maul
halten?  Willst du das Violoncell am Hirnkasten wissen?--Was kannst
du wissen?  Was kann er gesagt haben?--Kehren sich an das Geklatsch
nicht, Herr Vetter--Marsch du, in deine Kueche!--Werden mich doch
nicht fuer des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, dass ich oben aus
woll' mit dem Maedel?  Werden doch das nicht von mir denken, Herr
Secretarius?

Wurm.  Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Herr Musikmeister.
Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen und meine
Ansprueche auf Ihre Tochter waren so gut als unterschrieben.  Ich habe
ein Amt, das seinen guten Haushaelter naehren kann; der Praesident ist
mir gewogen; an Empfehlungen kann's nicht fehlen, wenn ich mich hoeher
poussieren will.  Sie sehen, dass meine Absichten auf Mamsell Luisen
ernsthaft sind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Windbeutel
herumgeholt-Frau.  Herr Sekertare Wurm!  Mehr Respect, wenn man
bitten darf-Miller.  Halt du dein Maul, sag' ich--Lassen Sie es gut
sein, Herr Vetter!  Es bleibt beim Alten.  Was ich Ihnen verwichenen
Herbst zum Bescheid gab, bring' ich heut wieder.  Ich zwinge meine
Tochter nicht.  Stehen Sie ihr an--wohl und gut, so mag sie zusehen,
wie sie gluecklich mit Ihnen wird.  Schuettelt sie den Kopf--noch
besser--in Gottes Namen wollt' ich sagen--so stecken Sie den Korb ein
und trinken eine Bouteille mit dem Vater--Das Maedel muss mit Ihnen
leben--ich nicht.--Warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht
schmecken kann, aus purem klarem Eigensinn an den Hals werfen?--Dass
mich der boese Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildpret
herumhetzt--dass ich's in jedem Glas Wein zu saufen--in jeder Suppe zu
fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Kind ruiniert hat.

Frau.  Und kurz und gut--ich geb meinen Consenz absolut nicht; meine
Tochter ist zu was Hohem gemuenzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn
mein Mann sich beschwatzen laesst.

Miller.  Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul?

Wurm (zu Millern).  Ein vaeterlicher Rath vermag bei der Tochter viel,
und hoffentlich werden Sie mich kennen, Herr Miller?

Miller.  Dass dich alle Hagel! 's Maedel muss Sie kennen.  Was ich alter
Knasterbart an Ihnen abgucke, ist just kein Fressen fuers junge
naschhafte Maedel.  Ich will Ihnen aufs Haar hin sagen, ob Sie ein
Mann fuers Orchester sind--aber eine Weiberseel' ist auch fuer einen
Kapellmeister zu spitzig.--Und dann von der Brust weg, Herr
Vetter--ich bin halt ein plumper gerader deutscher Kerl--fuer meinen
Rath wuerden Sie sich zuletzt wenig bedanken.  Ich rathe meiner
Tochter zu Keinem--aber Sie missrath ich meiner Tochter, Herr
Secretarius!  Lassen mich ausreden.  Einem Liebhaber, der den Vater
zu Hilfe ruft, trau' ich--erlauben Sie--keine hohle Haselnuss zu.  Ist
er was, so wird er sich schaemen, seine Talente durch diesen
altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen--Hat er's Courage
nicht, so ist er ein Hasenfuss, und fuer den sind keine Luisen
gewachsen--Da! hinter dem Ruecken des Vaters muss er sein Gewerb an die
Tochter bestellen.  Machen muss er, dass das Maedel lieber Vater und
Mutter zum Teufel wuenscht, als ihn fahren laesst,--oder selber kommt,
dem Vater zu Fuessen sich wirft und sich um Gotteswillen den schwarzen
gelben Tod oder den Herzeinigen ausbittet--Das nenn' ich einen Kerl!
das heisst lieben!--und wer's bei dem Weibsvolk nicht so weit bringt,
der soll--auf seinem Gaensekiel reiten.

Wurm (greift nach Hut und Stock und zum Zimmer hinaus).  Obligation,
Herr Miller!

Miller (geht ihm langsam nach).  Fuer was? fuer was?  Haben Sie ja doch
nichts genossen, Herr Secretarius!  (Zurueckkommend.)  Nichts hoert er,
und hin zieht er--Ist mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den
Federfuchser zu Gesichte krieg'.  Ein confiscierter widriger Kerl,
als haett' ihn irgend ein Schleichhaendler in die Welt meines Herrgotts
hineingeschachert--Die kleinen tueckischen Mausaugen--die Haare
brandroth--das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur fuer
purem Gift ueber das verhunzte Stueck Arbeit meinen Schlingel da
angefasst und in irgend eine Ecke geworfen haette--Nein! eh ich meine
Tochter an so einen Schuft wegwerfe, lieber soll sie mir--Gott
verzeih mir's-Frau (spuckt aus, giftig).  Der Hund!--aber man wird
dir's Maul sauber halten!

Miller.  Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker--Hast mich
vorhin auch so in Harnisch gebracht--Bist doch nie dummer, als wenn
du um Gotteswillen gescheidt sein solltest.  Was hat das Getraetsch
von einer gnaedigen Madam und deiner Tochter da vorstellen sollen?
Das ist mir der Alte!  Dem muss man so was an die Nase heften, wenn's
morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll.  Das ist just so ein
Musje, wie sie in der Leute Haeusern herumriechen, ueber Keller und
Koch raesonnieren, und springt einem ein nasenweises Wort uebers
Maul--Bumbs! haben's Fuerst und Maetress und Praesident, und du hast das
siedende Donnerwetter am Halse.



Dritte Scene.

Luise Millerin kommt, ein Buch in der Hand.  Vorige.


Luise (legt das Buch nieder, geht zu Millern und drueckt ihm die Hand).
Guten Morgen, lieber Vater.

Miller (warm).  Brav, meine Luise--Freut mich, dass du so fleissig an
deinen Schoepfer denkst.  Bleib immer so, und sein Arm wird dich
halten.

Luise.  O! ich bin eine schwere Suenderin, Vater--War er da, Mutter?

Frau.  Wer, mein Kind?

Luise.  Ah! ich vergass, dass es noch ausser ihm Menschen gibt--Mein
Kopf ist so wueste--Er war nicht da?  Walter?

Miller (traurig und ernsthaft).  Ich dachte, meine Luise haette den
Namen in der Kirche gelassen?

Luise (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen).  Ich versteh'
ihn, Vater--fuehle das Messer, das Er in mein Gewissen stoesst; aber es
kommt zu spaet.--Ich hab' keine Andacht mehr, Vater--der Himmel und
Ferdinand reissen an meiner blutenden Seele, und ich fuerchte--ich
fuerchte--(Nach einer Pause.)  Doch nein, guter Vater.  Wenn wir ihn
ueber dem Gemaelde vernachlaessigen, findet sich ja der Kuenstler am
feinsten gelobt.--Wenn meine Freude ueber sein Meisterstueck mich ihn
selbst uebersehen macht, Vater, muss das Gott nicht ergoetzen?

Miller (wirft sich unmuthig in den Stuhl).  Da haben wir's!  Das ist
die Frucht von dem gottlosen Lesen.

Luise (tritt unruhig an ein Fenster).  Wo er wohl jetzt ist?--Die
vornehmen Fraeulein, die ihn sehen--ihn hoeren--ich bin ein schlechtes,
vergessenes Maedchen.  (Erschrickt an dem Wort und stuerzt ihrem Vater
zu.)  Doch nein, nein! verzeih' Er mir.  Ich beweine mein Schicksal
nicht.  Ich will ja nur wenig--an ihn denken--das kostet ja nichts.
Dies Bischen Leben--duerft' ich es hinhauchen in ein leises,
schmeichelndes Lueftchen, sein Gesicht abzukuehlen;--dies Bluemchen
Jugend--waer' es ein Veilchen, und er traete drauf, und es duerfte
bescheiden unter ihm sterben!--Damit genuegte mir, Vater!  Wenn die
Muecke in ihren Strahlen sich sonnt--kann sie das strafen, die stolze
majestaetische Sonne?

Miller (beugt sich geruehrt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das
Gesicht).  Hoere, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gaeb'
es hin, haettest du den Major nie gesehen.

Luise (erschrocken).  Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders,
der gute Vater.  Er wird nicht wissen, dass Ferdinand mein ist, mir
geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden.  (Sie steht
nachdenkend.)  Als ich ihn das Erstemal sah--(rascher) und mir das
Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung
sprach, jeder Athem lispelte: er ist's!--und mein Herz den
Immermangelnden erkannte, bekraeftigte: er ist's! und wie das
wiederklang durch die ganze mitfreuende Welt!  Damals--o damals ging
in meiner Seele der erste Morgen auf.  Tausend junge Gefuehle schossen
aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Fruehling
wird.  Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn' ich mich, dass sie
niemals so schoen war.  Ich wusste von keinem Gott mehr, und doch hatt'
ich ihn nie so geliebt.

Miller (tritt auf sie zu, drueckt sie wider seine Brust).
Luise--theures--herrliches Kind--nimm meinen alten muerben Kopf--nimm
Alles--Alles!--den Major--Gott ist mein Zeuge--ich kann dir ihn
nimmer geben.  (Er geht ab.)

Luise.  Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater!  Dieser karge
Thautropfen Zeit--schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wolluestig
auf.  Ich entsag' ihm fuer dieses Leben.  Dann, Mutter--dann wenn die
Schranken des Unterschieds einstuerzen--wenn von uns abspringen all
die verhassten Huelsen des Standes--Menschen nur Menschen sind--Ich
bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Vater hat ja so
oft gesagt, dass der Schmuck und die praechtigen Titel wohlfeil werden,
wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen.  Ich werde dann
reich sein.  Dort rechnet man Thraenen fuer Triumphe und schoene
Gedanken fuer Ahnen an.  Ich werde dann vornehm sein, Mutter--Was
haette er dann noch vor seinem Maedchen voraus?

Frau (faehrt in die Hoehe).  Luise! der Major!  Er springt ueber die
Planke.  Wo verberg' ich mich doch?

Luise (faengt an zu zittern).  Bleib Sie doch, Mutter!

Frau.  Mein Gott!  Wie seh' ich aus; ich muss mich ja schaemen.  Ich
darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen.  (Ab.)



Vierte Scene.

Ferdinand von Walter.  Luise.


(Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfaerbt und matt auf einen
Sessel--er bleibt vor ihr stehn--sie sehen sich eine Zeitlang
stillschweigend an.  Pause.)

Ferdinand.  Du bist blass, Luise?

Luise (steht auf und faellt ihm um den Hals).  Es ist nichts! nichts!
Du bist ja da.  Es ist vorueber.

Ferdinand (ihr Hand nehmend und zum Munde fuehrend).  Und liebt mich
meine Luise noch?  Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine
noch?  Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn
und es auch sein--Du bist's nicht.

Luise.  Doch, doch, mein Geliebter.

Ferdinand.  Rede mir Wahrheit.  Du bist's nicht.  Ich schau durch
deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten.  (Zeigt
auf seinen Ring.)  Hier wirft sich kein Blaeschen auf, das ich nicht
merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte.
Was hast du?  Geschwind!  Weiss ich nur diesen Spiegel helle, so laeuft
keine Wolke ueber die Welt.  Was bekuemmert dich?

Luise (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth).
Ferdinand!  Ferdinand!  Dass du doch wuesstest, wie schoen in dieser
Sprache das buergerliche Maedchen sich ausnimmt-Ferdinand.  Was ist
das?  (Befremdet.)  Maedchen!  Hoere! wie kommst du auf das?--Du bist
meine Luise.  Wer sagt dir, dass du noch etwas sein solltest?  Siehst
du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen muss.  Waerest du
ganz nur Liebe fuer mich, wann haettest du Zeit gehabt, eine
Vergleichung zu machen?  Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine
Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin,
und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe?--Schaeme dich!
Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem
Juengling gestohlen.

Luise (fasst seine Hand, indem sie den Kopf schuettelt).  Du willst
mich einschlaefern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund
hinweglocken, in den ich ganz gewiss stuerzen muss.  Ich seh' in die
Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwuerfe--dein Vater--mein
Nichts.  (Erschrickt und laesst ploetzlich seine Hand fahren.)  Ferdinand!
Ein Dolch ueber dir und mir!--Man trennt uns!

Ferdinand.  Trennt uns!  (Er springt auf.)  Woher bringst du diese
Ahnung, Luise?  Trennt uns?--Wer kann den Bund zweier Herzen loesen,
oder die Toene eines Accords auseinander reissen?--Ich bin ein
Edelmann--Lass doch sehen, ob mein Adelbrief aelter ist, als der Riss
zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gueltiger, als die
Handschrift des Himmels in Luisens Augen: dieses Weib ist fuer diesen
Mann?--Ich bin des Praesidenten Sohn.  Eben darum.  Wer, als die Liebe,
kann mir die Flueche versuessen, die mir der Landeswucher meines Vaters
vermachen wird?

Luise.  O wie sehr fuercht' ich ihn--diesen Vater!

Ferdinand.  Ich fuerchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe.
Lass auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie
fuer Treppen nehmen und drueber hin in Luisens Arme fliegen.  Die
Stuerme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen,
Gefahren werden meine Luise nur reizender machen.--Also nichts mehr
von Furcht, meine Liebe.  Ich selbst--ich will ueber dir wachen, wie
der Zauberdrach ueber unterirdischem Golde--Mir vertraue dich!  Du
brauchst keinen Engel mehr--Ich will mich zwischen dich und das
Schicksal werfen--empfangen fuer dich jede Wunde--auffassen fuer dich
jeden Tropfen aus dem Becher der Freude--dir ihn bringen in die
Schale der Liebe.  (Sie zaertlich umfassend.)  An diesem Arm soll meine
Luise durchs Leben huepfen; schoener, als er dich von sich liess, soll
der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, dass nur
die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte-Luise (drueckt ihn von
sich, in grosser Bewegung).  Nichts mehr!  Ich bitte dich, schweig!
--Wuesstest du--Lass mich--du weisst nicht, dass deine Hoffnungen mein
Herz wie Furien anfallen.  (Will fort.)

Ferdinand (haelt sie auf).  Luise?  Wie!  Was!  Welche Anwandlung?

Luise.  Ich hatte diese Traeume vergessen und war gluecklich--Jetzt!
jetzt! von heut an--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde
Wuensche--ich weiss es--werden in meinem Busen rasen.--Geh--Gott
vergebe dir's--Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz
geworfen, und er wird nimmer, nimmer geloescht werden.  (Sie stuerzt
hinaus.  Er folgt ihr sprachlos nach.)



Fuenfte Scene.

Saal beim Praesidenten.


Der Praesident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite,
und Secretaer Wurm treten auf.

Praesident.  Ein ernsthaftes Attachement!  Mein Sohn?--Nein, Wurm, das
macht Er mich nimmermehr glauben.

Wurm.  Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen.

Praesident.  Dass er der Buergercanaille den Hof macht--Flatterieen
sagt--auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert--das sind lauter
Sachen, die ich moeglich finde--verzeihlich finde--aber--und noch gar
die Tochter eines Musikus, sagt Er?

Wurm.  Musikmeister Millers Tochter.

Praesident.  Huebsch--Zwar das versteht sich.

Wurm (lebhaft).  Das schoenste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu
viel gesagt, neben den ersten Schoenheiten des Hofes noch Figur machen
wuerde.

Praesident (lacht).  Er sagt mir, Wurm--Er habe ein Aug auf das
Ding--das find' ich.  Aber sieht Er, mein lieber Wurm--dass mein Sohn
Gefuehl fuer das Frauenzimmer hat, macht mir Hoffnung, dass ihn die
Damen nicht hassen werden.  Er kann bei Hof etwas durchsetzen.  Das
Maedchen ist schoen, sagt Er; das gefaellt mir an meinem Sohn, dass er
Geschmack hat.  Spiegelt er der Naerrin solide Absichten vor?  Noch
besser--so seh' ich, dass er Witz genug hat, in seinen Beutel zu luegen.
Er kann Praesident werden.  Setzt er es noch dazu durch?  Herrlich!
das zeigt mir an, dass er Glueck hat.--Schliesst sich die Farce mit
einem gesunden Enkel--unvergleichlich! so trink' ich auf die guten
Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die
Scortationsstrafe fuer seine Dirne.

Wurm.  Alles, was ich wuensche, Ihr' Excellenz, ist, dass Sie nicht
noethig haben moechten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken.

Praesident (ernsthaft).  Wurm, besinn' Er sich, dass ich, wenn ich
einmal glaube, hartnaeckig glaube; rase, wenn ich zuerne--Ich will
einen Spass daraus machen, dass Er mich aufhetzen wollte.  Dass Er sich
seinen Nebenbuhler gern vom Hals geschafft haette, glaub' ich Ihm
herzlich gern.  Da Er meinen Sohn bei dem Maedchen auszustechen Muehe
haben moechte, soll Ihm der Vater zur Fliegenklatsche dienen, das
find' ich wieder begreiflich--und dass er einen so herrlichen Ansatz
zum Schelmen hat, entzueckt mich sogar--Nur, mein lieber Wurm, muss Er
mich nicht mit prellen wollen.--Nur, versteht Er mich, muss Er den
Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundsaetze treiben.

Wurm.  Ihro Excellenz verzeihen.  Wenn auch wirklich--wie Sie
argwohnen--die Eifersucht hier im Spiel sein sollte, so waere sie es
wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge.

Praesident.  Und ich daechte, sie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was
verschlaegt es denn Ihm, ob Er die Karolin frisch aus der Muenze oder vom
Bankier bekommt.  Troest' Er sich mit dem hiesigen Adel--wissentlich
oder nicht--bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht
wenigstens ein halb Dutzend der Gaeste--oder der Aufwaerter--das Paradies
des Braeutigams geometrisch ermessen kann.

Wurm (verbeugt sich).  Ich mache hier gern den Buergersmann, gnaediger
Herr.

Praesident.  Ueberdies kann Er mit Naechstem die Freude haben, seinem
Nebenbuhler den Spott auf die schoenste Art heimzugeben.  Eben jetzt
liegt der Anschlag im Kabinet, dass, auf die Ankunft der neuen
Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten und, den
Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll.  Er weiss,
Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einfluss der Lady stuetzt--wie
ueberhaupt meine maechtigsten Springfedern in die Wallungen des Fuersten
hineinspielen.  Der Herzog sucht eine Partie fuer die Milford.  Ein
Anderer kann sich melden--den Kauf schliessen, mit der Dame das
Vertrauen des Fuersten anreissen, sich ihm unentbehrlich machen--Damit
nun der Fuerst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Ferdinand die
Milford heirathen--Ist Ihm das helle?

Wurm.  Dass mich die Augen beissen--Wenigstens bewies der Praesident
hier, dass der Vater nur ein Anfaenger gegen ihn ist.  Wenn der Major
Ihnen eben so den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zaertlichen
Vater, so duerfte Ihre Anforderung mit Protest zurueckkommen.

Praesident.  Zum Glueck war mir noch nie fuer die Ausfuehrung eines
Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen
konnte.--Aber seh' Er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen
Punkt geleitet.  Ich kuendige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine
Vermaehlung an.  Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen
Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen.

Wurm.  Gnaediger Herr, ich bitte sehr um Vergebung.  Das finstre
Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlaessig zeigt, laesst sich eben so gut
auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zufuehren, als
derjenigen, die Sie ihm nehmen.  Ich ersuche Sie um eine schaerfere
Probe.  Waehlen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er
Ja, so lassen Sie den Secretaer Wurm drei Jahre Kugeln schleifen.

Praesident (heisst die Lippen).  Teufel!

Wurm.  Es ist nicht anders!  Die Mutter--die Dummheit selbst--hat mir
in der Einfalt zu viel geplaudert.

Praesident (geht auf und nieder, presst seinen Zorn zurueck).  Gut!
Diesen Morgen noch.

Wurm.  Nur vergessen Ew.  Excellenz nicht, dass der Major--der Sohn
meines Herrn ist!

Praesident.  Er soll geschont werden, Wurm.

Wurm.  Und dass der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen
Schwiegertochter zu helfen-Praesident.  Den Gegendienst werth ist, Ihm
zu einer Frau zu helfen?--Auch das, Wurm!

Wurm (bueckt sich vergnuegt).  Ewig der Ihrige, gnaediger Herr!  (Er
will gehen.)

Praesident.  Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Wurm!  (Drohend.)  Wenn
Er plaudert-Wurm (lacht).  So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen
Handschriften auf. (er geht ab.)

Praesident.  Zwar bist du mir gewiss!  Ich halte dich an deiner eigenen
Schurkerei, wie den Schroeter am Faden.

Ein Kammerdiener (tritt herein).  Hofmarschall von Kalb-Praesident.
Kommt wie gerufen.--Er soll mir angenehm sein.  (Kammerdiener geht.)



Sechste Scene.

Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid,
mit Kammerherrnschluesseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und
frisiert à la Hérisson.  Er fliegt mit grossem Gekreisch auf den
Praesidenten zu und breitet einen Bisamgeruch ueber das ganze Parterre.
Praesident.


Hofmarschall (ihn umarmend).  Ah guten Morgen, mein Bester!  Wie geruht?
wie geschlafen?--Sie verzeihen doch, dass ich so spaet das Vergnuegen
habe--dringende Geschaefte--der Kuechenzettel--Visitenbillets--das
Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt--Ah--und dann
musst' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das
Wetter verkuendigen.

Praesident.  Ja, Marschall, da haben Sie freilich nicht abkommen
koennen.

Hofmarschall.  Oben drein hat mich ein Schelm von Schneider noch
sitzen lassen.

Praesident.  Und doch fix und fertig?

Hofmarschall.  Das ist noch nicht Alles.--Ein Malheur jagt heut das
andere.  Hoeren Sie nur!

Praesident (zerstreut).  Ist das moeglich?

Hofmarschall.  Hoeren Sie nur!  Ich steige kaum aus dem Wagen, so
werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, dass mir--ich
bitte Sie!--der Gassenkoth ueber und ueber an die Beinkleider spritzt.
Was anzufangen?  Setzen Sie sich um Gotteswillen in meine Lage, Baron!
Da stand ich.  Spaet war es.  Eine Tagreise ist es--und in dem
Aufzug vor Seine Durchleucht!  Gott der Gerechte!--Was faellt mir bei?
Ich fingiere eine Ohnmacht.  Man bringt mich ueber Hals und Kopf in
die Kutsche.  Ich in voller Carrière nach Haus--wechsle die
Kleider--fahre zurueck--Was sagen Sie?--und bin noch der erste in der
Antichambre--Was denken Sie?-Praesident.  Ein herrliches Impromptu des
menschlichen Witzes--Doch das beiseite, Kalb--Sie sprachen also schon
mit dem Herzog?

Hofmarschall (wichtig).  Zwanzig Minuten und eine halbe.

Praesident.  Das gesteh' ich!--und wissen wir also ohne Zweifel eine
wichtige Neuigkeit?

Hofmarschall (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen).  Seine
Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an.

Praesident.  Man denke!--Nein, Marschall, so hab' ich doch eine
bessere Zeitung fuer Sie--Dass Lady Milford Majorin von Walter wird,
ist Ihnen gewiss etwas Neues?

Hofmarschall.  Denken Sie!--Und das ist schon richtig gemacht?

Praesident.  Unterschrieben, Marschall--und Sie verbinden mich, wenn
Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Lady auf seinen Besuch praeparieren
und den Entschluss meiner Ferdinands in der ganzen Residenz bekannt
machen.

Hofmarschall (entzueckt).  O mit tausend Freuden, mein Bester!--Was
kann mir erwuenschter kommen?--Ich fliege sogleich--(Umarmt ihn.)
Leben Sie wohl--in drei Viertelstunden weiss es die ganze Stadt.
(Huepft hinaus.)

Praesident (lacht dem Marschall nach).  Man sage noch, dass diese
Geschoepfe in der Welt zu nichts taugen--Nun muss ja mein Ferdinand
wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen.  (Klingelt--Wurm kommt.)
Mein Sohn soll hereinkommen.  (Wurm geht ab, der Praesident auf und
nieder, gedankenvoll.)



Siebente Scene.

Ferdinand.  Praesident.  Wurm, welcher gleich abgeht.


Ferdinand.  Sie haben befohlen, gnaediger Herr Vater-Praesident.
Leider muss ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden
will--Lass Er uns allein, Wurm!--Ferdinand, ich beobachte dich schon
eine Zeitlang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich
sonst so entzueckt hat.  Ein seltsamer Gram bruetet auf deinem Gesicht.
Du fliehst mich--du fliehst deine Zirkel--Pfui!--Deinen Jahren
verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille.
Ueberlass diese mir, lieber Sohn!  Mich lass an deinem Glueck arbeiten
und denke auf nichts, als in meine Entwuerfe zu spielen.--Komm! umarme
mich, Ferdinand!

Ferdinand.  Sie sind heute sehr gnaedig, mein Vater.

Praesident.  Heute, du Schalk--und dieses Heute noch mit der herben
Grimasse?  (Ernsthaft.)  Ferdinand!--Wem zu lieb hab' ich die
gefaehrliche Bahn zum Herzen des Fuersten betreten?  Wem zu lieb bin
ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen?--Hoere,
Ferdinand!--Ich spreche mit meinem Sohn--Wem hab' ich durch die
Hinwegraeumung meines Vorgaengers Platz gemacht--eine Geschichte, die
desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfaeltiger ich das
Messer der Welt verberge!  Hoere! sage mir, Ferdinand!  Wem that ich
Dies alles?

Ferdinand (tritt mit Schrecken zurueck).  Doch mir nicht, mein Vater?
Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht
fallen?  Beim allmaechtigen Gott! es ist besser, gar nicht geboren zu
sein, als dieser Missethat zur Ausrede dienen!

Praesident.  Was war das?  Was?  Doch ich will es dem Romanenkopfe zu
gut halten!--Ferdinand!--ich will mich nicht erhitzen, vorlauter
Knabe--Lohnst du mir also fuer meine schlaflosen Naechte?  Also fuer
meine rastlose Sorge?  Also fuer den ewigen Scorpion meines
Gewissens?--Auf mich faellt die Last der Verantwortung--auf mich der
Fluch, der Donner des Richters--Du empfaengst dein Glueck von der
zweiten Hand--das Verbrechen klebt nicht am Erbe.

Ferdinand (streckt die rechte Hand gen Himmel).  Feierlich entsag'
ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater
erinnert.

Praesident.  Hoere, junger Mensch, bringe mich nicht auf!--Wenn es nach
deinem Kopf ginge, du kroechest dein Lebenlang im Staube.

Ferdinand.  O, immer noch besser, Vater, als ich kroech' um den Thron
herum.

Praesident (verbeisst seinen Zorn).  Hum!--Zwingen muss man dich,
dein Glueck zu erkennen.  Wo zehn Andre mit aller Anstrengung
nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben.  Du
bist im zwoelften Jahre Faehndrich.  Im zwanzigsten Major.  Ich
hab' es durchgesetzt beim Fuersten.  Du wirst die Uniform
ausziehen und in das Ministerium eintreten.  Der Fuerst sprach
vom Geheimenrath--Gesandtschaften--ausserordentlichen Gnaden.
Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir!--Die ebene Strasse
zunaechst nach dem Throne--zum Throne selbst, wenn anders die
Gewalt so viel werth ist, als ihr Zeichen--das begeistert dich
nicht?

Ferdinand.  Weil meine Begriffe von Groesse und Glueck nicht ganz die
Ihrigen sind--Ihre Glueckseligkeit macht sich nur selten anders, als
durch Verderben bekannt.  Neid, Furcht, Verwuenschung sind die
traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belaechelt.
--Thraenen, Flueche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran
diese gepriesenen Gluecklichen schwelgen, von der sie betrunken
aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln--Mein
Ideal von Glueck zieht sich genuegsamer in mich selbst zurueck.  In
meinem Herzen liegen alle meine Wuensche begraben.-Praesident.
Meisterhaft!  Unverbesserlich!  Herrlich!  Nach dreissig Jahren die
erste Vorlesung wieder!--Schade nur, dass mein fuenfzigjaehriger Kopf zu
zaeh fuer das Lernen ist!--Doch--dies seltne Talent nicht einrosten zu
lassen, will ich dir Jemand an die Seite geben, bei dem du dich in
dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exercieren kannst.--Du
wirst dich entschliessen--noch heute entschliessen--eine Frau zu nehmen.

Ferdinand (tritt bestuerzt zurueck).  Mein Vater?

Praesident.  Ohne Complimente.--Ich habe der Lady Milford in deinem
Namen eine Karte geschickt.  Du wirst dich ohne Aufschub bequemen,
dahin zu gehen und ihr zu sagen, dass du ihr Braeutigam bist!

Ferdinand.  Der Milford, mein Vater?

Praesident.  Wenn sie dir bekannt ist-Ferdinand (ausser Fassung).
Welcher Schandsaeule im Herzogthum ist sie das nicht!--Aber ich bin
wohl laecherlich, lieber Vater, dass ich Ihre Laune fuer Ernst aufnehme?
Wuerden Sie Vater zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine
privilegierte Buhlerin heirathete?

Praesident.  Noch mehr!  Ich wuerde selbst um sie werben, wenn sie
einen Fuenfziger moechte--Wuerdest du zu dem Schurken Vater nicht Sohn
sein wollen?

Ferdinand.  Nein!  So wahr Gott lebt!

Praesident.  Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit
wegen vergebe-Ferdinand.  Ich bitte Sie, Vater!  Lassen Sie mich
nicht laenger in einer Vermuthung, wo es mir unertraeglich wird, mich
Ihren Sohn zu nennen.

Praesident.  Junge, bist du toll?  Welcher Mensch von Vernunft wuerde
nicht nach der Distinction geizen, mit seinem Landesherrn an einem
dritten Orte zu wechseln?

Ferdinand.  Sie werden mir zum Raethsel, mein Vater.  Distinction
nennen Sie es--Distinction, da mit dem Fuersten zu theilen, wo er auch
unter den Menschen hinunterkriecht?

Praesident (schlaegt ein Gelaechter auf).

Ferdinand.  Sie koennen lachen--und ich will ueber das hinweggehen,
Vater.  Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten
Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen
Koerper zum Mitgift bekommt?  Mit welchem Gesicht vor die Welt?  Vor
den Fuersten?  Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den
Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen wuerde?

Praesident.  Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge?

Ferdinand.  Ich beschwoere Sie bei Himmel und Erde!  Vater, Sie koennen
durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so gluecklich nicht
werden, als Sie ihn ungluecklich machen.  Ich gebe Ihnen mein Leben,
wenn das Sie steigen machen kann.  Mein Leben hab' ich von Ihnen, ich
werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Groesse zu opfern.
--Meine Ehre, Vater--wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein
leichtfertiges Schelmenstueck, mir das Leben zu geben, und ich muss den
Vater wie den Kuppler verfluchen.

Praesident (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft).  Brav,
lieber Sohn.  Jetzt seh' ich, dass du ein ganzer Kerl bist und der
besten Frau im Herzogthum wuerdig.  Sie soll dir werden--noch diesen
Mittag wirst du dich mit der Graefin von Ostheim verloben.

Ferdinand (aufs Neue betreten).  Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz
zu zerschmettern?

Praesident (einen lauernden Blick auf ihn werfend).  Wo doch
hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird?

Ferdinand.  Nein, mein Vater!  Friederike von Ostheim koennte jeden
Andern zum Gluecklichsten machen.  (Vor sich in hoechster Verwirrung.)
Was seine Bosheit an seinem Herzen noch ganz liess, zerreisst seine
Guete.

Praesident (noch immer kein Auge von ihm wendend).  Ich warte auf
deine Dankbarkeit, Ferdinand-Ferdinand (stuerzt auf ihn zu und kuesst
ihm feurig die Hand).  Ihre Gnade entflammt meine ganze
Empfindung--Vater! meinen heissesten Dank fuer Ihre herzliche
Meinung--Ihre Wahl ist untadelhaft--aber--ich kann--ich
darf--bedauern Sie mich--ich kann die Graefin nicht lieben!

Praesident (tritt einen Schritt zurueck).  Holla!  Jetzt hab'
ich den jungen Herrn!  Also in diese Falle ging er, der
listige Heuchler--Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady
verbot?--Es war nicht die Person, sondern die Heirath, die du
verabscheutest?-Ferdinand (steht zuerst wie versteinert, dann
faehrt er auf und will fortrennen).

Praesident.  Wohin?  Halt!  Ist das der Respect, den du mir schuldig
bist?  (Der Major kehrt zurueck.)  Du bist bei der Lady gemeldet.  Der
Fuerst hat mein Wort.  Stadt und Hof wissen es richtig.--Wenn du mich
zum Luegner machst, Junge--vor dem Fuersten--der Lady--der Stadt--dem
Hof mich zum Luegner machst--Hoere, Junge--oder wenn ich hinter gewisse
Historien komme?--Halt!  Holla!  Was blaest so auf einmal das Feuer in
deinen Wangen aus?

Ferdinand (schneeblass und zitternd).  Wie?  Was?  Es ist gewiss nichts,
mein Vater!

Praesident (einen fuerchterlichen Blick auf ihn heftend).  Und wenn es
was ist--und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese
Widersetzlichkeit stammt--Ha, Junge! der blosse Verdacht schon bringt
mich zum Rasen!  Geh den Augenblick!  Die Wachtparade faengt an!  Du
wirst bei der Lady sein, sobald die Parole gegeben ist--Wenn ich
auftrete, zittert ein Herzogthum.  Lass doch sehen, ob mich ein
Starrkopf von Sohn meistert.  (Er geht und kommt noch einmal wieder.)
Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn!
(Er geht ab.)

Ferdinand (erwacht aus einer dumpfen Betaeubung).  Ist er weg?  War
das eines Vaters Stimme?--Ja! ich will zu ihr--will hin--will ihr
Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten--Nichtswuerdige! und
wenn du auch noch dann meine Hand verlangst--Im Angesicht des
versammelten Adels, des Militaers und des Volks--Umguerte dich mit dem
ganzen Stolz deines Englands--Ich verwerfe dich--ein deutscher
Juengling!  (Er eilt hinaus.)




Zweiter Akt.

Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand steht ein Sopha,
zur linken ein Fluegel.



Erste Scene.

Lady in einem freien, aber reizenden Negligé, die Haare noch
unfrisiert, sitzt vor dem Fluegel und phantasiert; Sophie, die
Kammerjungfer, kommt von dem Fenster.


Sophie.  Die Officiers gehen auseinander.  Die Wachtparade ist
aus--aber ich sehe noch keinen Walter.

Lady (sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal
macht).  Ich weiss nicht, wie ich mich heute finde, Sophie--Ich bin
noch nie so gewesen--Also du sahst ihn gar nicht?--Freilich wohl--Es
wird ihm nicht eilen--Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner
Brust--Geh, Sophie--Man soll mir den wildesten Renner herausfuehren,
der im Marstall ist.  Ich muss ins Freie--Menschen sehen und blauen
Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum.

Sophie.  Wenn Sie sich unpaesslich fuehlen, Milady--berufen Sie
Assemblee hier zusammen.  Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten,
oder die l'Hombretische vor Ihren Sopha setzen.  Mir sollte der Fuerst
und sein ganzer Hof zu Gebote stehen und eine Grille im Kopfe surren?

Lady (wirft sich in den Sopha).  Ich bitte, verschone mich!  Ich gebe
dir einen Demant fuer jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen
kann!  Soll ich meine Zimmer mit diesem Volk tapezieren?--Das sind
schlechte, erbaermliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein
warmes herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreissen, als saehen
sie eine Geist--Sklaven eines einzigen Marionettendrahts, den ich
leichter als mein Filet regiere!--Was fang' ich mit Leuten an, deren
Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen?  Kann ich eine Freude dran
finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus weiss, was sie mir
antworten werden?  Oder Worte mit ihnen zu wechseln, wenn sie das
Herz nicht haben, andrer Meinung als ich zu sein?--Weg mit ihnen!  Es
ist verdriesslich, ein Ross zu reiten, das nicht auch in den Zuegel
beisst.  (Sie tritt zum Fenster.)

Sophie.  Aber den Fuersten werden Sie doch ausnehmen, Lady?  Den
schoensten Mann--den feurigsten Liebhaber--den witzigsten Kopf in
seinem ganzen Lande!

Lady (kommt zurueck).  Denn es ist sein Land--und nur ein Fuerstenthum,
Sophie, kann meinem Geschmack zur ertraeglichen Ausrede dienen--Du
sagst, man beneide mich.  Armes Ding!  Beklagen soll man mich
vielmehr!  Unter Allen, die an den Bruesten der Majestaet trinken,
kommt die Favoritin am schlechtesten weg, weil sie allein dem grossen
und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet--Wahr ist's, er kann
mit dem Talisman seiner Groesse jeden Gelust meines Herzens, wie ein
Feenschloss, aus der Erde rufen.--Er setzt den Saft von zwei Indien
auf die Tafel--ruft Paradiese aus Wildnissen--laesst die Quellen seines
Landes in stolzen Boegen gen Himmel springen, oder das Mark seiner
Unterthanen in einem Feuerwerk hinpuffen--Aber kann er auch seinem
Herzen befehlen, gegen ein grosses, feuriges Herz gross und feurig zu
schlagen?  Kann er sein darbendes Gehirn auf ein einziges schoenes
Gefuehl exequieren?--Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne;
und was helfen mich tausend bessre Empfindungen, wo ich nur Wallungen
loeschen darf?

Sophie (blickt sie verwundernd an).  Wie lang ist es denn aber, dass
ich Ihnen diene, Milady?

Lady.  Weil du erst heute mit mir bekannt wirst?--Es ist wahr, liebe
Sophie--ich habe dem Fuersten meine Ehre verkauft; aber mein Herz habe
ich frei behalten--ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes
noch werth ist--ueber welches der giftige Wind des Hofes nur wie der
Hauch ueber den Spiegel ging--Trau' es mir zu, meine Liebe, dass ich es
laengst gegen diesen armseligen Fuersten behauptet haette, wenn ich es
nur von meinem Ehrgeiz erhalten koennte, einer Dame am Hof den Rang
vor mir einzuraeumen.

Sophie.  Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern?

Lady (lebhaft).  Als wenn es sich nicht schon geraecht haette?--Nicht
jetzt noch raechte?--Sophie!  (Bedeutend, indem sie die Hand auf
Sophiens Achsel fallen laesst.)  Wir Frauenzimmer koennen nur zwischen
Herrschen und Dienen waehlen, aber die hoechste Wonne der Gewalt ist
doch nur ein elender Behelf, wenn uns die groessere Wonne versagt wird,
Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben.

Sophie.  Eine Wahrheit, Milady, die ich von Ihnen zuletzt hoeren
wollte!

Lady.  Und warum, meine Sophie?  Sieht man es denn dieser kindischen
Fuehrung des Scepters nicht an, dass wir nur fuer das Gaengelband taugen?
Sahst du es denn diesem launischen Flattersinn nicht an--diesen
wilden Ergoetzungen nicht an, dass sie nur wildere Wuensche in meiner
Brust ueberlaermen sollten?

Sophie (tritt erstaunt zurueck).  Lady!

Lady (lebhafter).  Befriedige diese!  Gib mir den Mann, den ich jetzt
denke--den ich anbete--sterben, Sophie, oder besitzen muss.
(Schmelzend.)  Lass mich aus seinem Mund es vernehmen, dass Thraenen der
Liebe schoener glaenzen in unsern Augen, als die Brillanten in unserm
Haar, (feurig)  und ich werfe dem Fuersten sein Herz und sein
Fuerstenthum vor die Fuesse, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die
entlegenste Wueste der Welt-Sophie (blickt sie erschrocken an).
Himmel!  Was machen Sie?  Wie wird Ihnen, Lady?

Lady (bestuerzt).  Du entfaerbst dich?--Hab' ich vielleicht etwas zu
viel gesagt?  O so lass mich deine Zunge mit meinem Zutrauen
binden--hoere noch mehr--hoere Alles-Sophie (schaut sich aengstlich um).
Ich fuerchte, Milady--ich fuerchte--ich brauch' es nicht mehr zu hoeren.

Lady.  Die Verbindung mit dem Major--Du und die Welt stehen im Wahn,
sie sei eine Hof-Kabale--Sophie--erroethe nicht--schaeme dich meiner
nicht--sie ist das Werk--meiner Liebe!

Sophie.  Bei Gott!  Was mir ahnete!

Lady.  Sie liessen sich beschwatzen, Sophie--der schwache Fuerst--der
hofschlaue Walter--der alberne Marschall--Jeder von ihnen wird darauf
schwoeren, dass diese Heirath das unfehlbarste Mittel sei, mich dem
Herzog zu retten, unser Band um so fester zu knuepfen!--Ja! es auf
ewig zu trennen! auf ewig diese schaendlichen Ketten zu brechen!
--Belogene Luegner!  Von einem schwachen Weib ueberlistet!  Ihr selbst
fuehrt mir jetzt meinen Geliebten zu!  Das war es ja nur, was ich
wollte--Hab' ich ihn einmal--hab' ich ihn--o dann auf immer gute
Nacht, abscheuliche Herrlichkeit-



Zweite Scene.

Ein alter Kammerdiener des Fuersten, der ein Schmuckkaestchen traegt.
Die Vorigen.


Kammerdiener.  Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Milady zu
Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit.  Sie kommen
so eben erst aus Venedig.

Lady (hat das Kaestchen geoeffnet und faehrt erschrocken zurueck).
Mensch! was bezahlt dein Herzog fuer diese Steine?

Kammerdiener (mit finsterm Gesicht).  Sie kosten ihn keinen Heller!

Lady.  Was?  Bist du rasend?  Nichts?--und (indem sie einen Schritt
von ihm wegtritt)  du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich
durchbohren wolltest--Nichts kosten ihn diese unermesslich kostbaren
Steine?

Kammerdiener.  Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika
fort--die bezahlen Alles.

Lady (setzt den Schmuck ploetzlich nieder und geht rasch durch den
Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener).  Mann!  Was ist dir?  Ich
glaube, du weinst?

Kammerdiener (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle
Glieder zitternd).  Edelsteine, wie diese da--ich hab' auch ein paar
Soehne drunter.

Lady (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend).  Doch keinen
gezwungenen?

Kammerdiener (lacht fuerchterlich).  O Gott!--Nein--lauter Freiwillige!
Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch' vor die Front heraus und
fragten den Obersten, wie theuer der Fuerst das Joch Menschen verkaufe.
--Aber unser gnaedigster Landesherr liess alle Regimenter auf dem
Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschiessen.  Wir
hoerten die Buechsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster
spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe! nach Amerika!-Lady
(faellt mit Entsetzen in den Sopha).  Gott!  Gott!--Und ich hoerte
nichts?  Und ich merkte nichts?

Kammerdiener.  Ja, gnaedige Frau--Warum musstet ihr denn mit unserm
Herrn gerad' auf die Baerenhatz reiten, als man den Laermen zum
Aufbruch schlug?--Die Herrlichkeit haettet ihr doch nicht versaeumen
sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkuendigten, es ist Zeit, und
heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine
wuethende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spiessen,
und wie man Braeutigam und Braut mit Saebelhieben auseinander riss, und
wir Graubaerte verzweiflungsvoll da standen und den Burschen auch
zuletzt die Kruecken noch nachwarfen in die neue Welt--Oh, und
mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns
nicht sollte beten hoeren-Lady (steht auf, heftig bewegt).  Weg mit
diesen Steinen--sie blitzen Hoellenflammen in mein Herz.  (Sanfter zum
Kammerdiener.)  Maessige dich, armer alter Mann.  Sie werden wieder
kommen.  Sie werden ihr Vaterland wieder sehen.

Kammerdiener (warm und voll).  Das weiss der Himmel!  Das werden sie!
--Noch am Stadtthor drehten sie sich um und schrieen: "Gott mit euch,
Weib und Kinder!--Es leb' unser Landesvater--Am juengsten Gericht sind
wir wieder da!"-Lady (mit starkem Schritt auf und nieder gehend).
Abscheulich!  Fuerchterlich!--Mich beredet man, ich habe sie alle
getrocknet, die Thraenen des Landes--Schrecklich, schrecklich gehen
mir die Augen auf--Geb du--Sag deinem Herrn--Ich werd' ihm persoenlich
danken!  (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldboerse in
den Hut.)  Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest-Kammerdiener
(wirft sie veraechtlich auf den Tisch zurueck).  Legt's zu dem Uebrigen.
(Er geht ab.)

Lady (sieht ihm erstaunt nach).  Sophie, spring ihm nach, frag' ihn
um seinen Namen!  Er soll seine Soehne wieder haben.  (Sophie ab.
Lady nachdenkend auf und nieder.  Pause.  Zu Sophien, die wieder
kommt.)  Ging nicht juengst ein Geruecht, dass das Feuer eine Stadt an
der Grenze verwuestet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab
gebracht habe?  (Sie klingelt.)

Sophie.  Wie kommen Sie auf das?  Allerdings ist es so, und die
mehresten dieser Ungluecklichen dienen jetzt ihren Glaeubigern als
Sklaven, oder verderben in den Schachten der fuerstlichen
Silberbergwerke.

Bedienter (kommt).  Was befehlen Milady?

Lady (gibt ihm den Schmuck).  Dass das ohne Verzug in die Landschaft
gebracht werde!--Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl' ich,
und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand
ruiniert hat.

Sophie.  Milady, bedenken Sie, dass Sie die hoechste Ungnade wagen!

Lady (mit Groesse).  Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren
tragen?  (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.)  Oder willst du, dass
ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Thraenen zu Boden
sinke?--Geh, Sophie--Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das
Bewusstsein dieser That im Herzen zu haben!

Sophie.  Aber Juwelen wie diese!  Haetten Sie nicht Ihre schlechtern
nehmen koennen?  Nein, wahrlich, Milady! es ist Ihnen nicht zu
vergeben.

Lady.  Naerrisches Maedchen!  Dafuer werden in einem Augenblick mehr
Brillanten und Perlen fuer mich fallen, als zehn Koenige in ihren
Diademen getragen, und schoenere-Bedienter (kommt zurueck).  Major von
Walter-Sophie (springt auf die Lady zu).  Gott!  Sie verblassen-Lady.
Der erste Mann, der mir Schrecken macht--Sophie--Jetzt sei unpaesslich,
Eduard--Halt--Ist er aufgeraeumt?  Lacht er?  Was spricht er?  O,
Sophie!  Nicht wahr, ich sehe haesslich aus?

Sophie.  Ich bitte Sie, Lady-Bedienter.  Befehlen Sie, dass ich ihn
abweise?

Lady (stotternd).  Er soll mir willkommen sein.  (Bedienter hinaus.)
Sprich, Sophie--Was sag' ich ihm?  Wie empfang' ich ihn?--Ich werde
stumm sein.--Er wird meiner Schwaeche spotten--Er wird--o was ahnet
mir--Du verlaessest mich, Sophie?--Bleib!--Doch nein!  Gehe!--So bleib
doch!  (Der Major kommt durch das Vorzimmer.)

Sophie.  Sammeln Sie sich!  Er ist schon da!



Dritte Scene.

Ferdinand von Walter.  Die Vorigen.


Ferdinand (mit einer kurzen Verbeugung).  Wenn ich Sie worin
unterbreche, gnaedige Frau-Lady (unter merkbarem Herzklopfen).  In
nichts, Herr Major, das mir wichtiger waere.

Ferdinand.  Ich komme auf Befehl meines Vaters-Lady.  Ich bin seine
Schuldnerin.

Ferdinand.  Und soll Ihnen melden, dass wir uns heirathen--So weit der
Auftrag meines Vaters.

Lady (entfaerbt sich und zittert).  Nicht Ihres eigenen Herzens?

Ferdinand.  Minister und Kuppler pflegen das niemals zu fragen.

Lady (mit einer Beaengstigung, dass ihr die Worte versagen).  Und Sie
selbst haetten sonst nichts beizusetzen?

Ferdinand (mit einem Blick auf die Mamsell).  Noch sehr viel, Milady!

Lady (gibt Sophien einen Wink, diese entfernt sich).  Darf ich Ihnen
diesen Sopha anbieten?

Ferdinand.  Ich werde kurz sein, Milady!

Lady.  Nun?

Ferdinand.  Ich bin ein Mann von Ehre.

Lady.  Den ich zu schaetzen weiss.

Ferdinand.  Cavalier.

Lady.  Kein bessrer im Herzogthum.

Ferdinand.  Und Officier.

Lady (schmeichelhaft).  Sie beruehren hier Vorzuege, die auch Andere
mit Ihnen gemein haben.  Warum verschweigen Sie groessere, worin Sie
einzig sind?

Ferdinand (frostig).  Hier brauch' ich sie nicht.

Lady (mit immer steigender Angst).  Aber fuer was muss ich diesen
Vorbericht nehmen?

Ferdinand (langsam und mit Nachdruck).  Fuer den Einwurf der Ehre,
wenn Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen.

Lady (auffahrend).  Was ist das, Herr Major?

Ferdinand (gelassen).  Die Sprache meines Herzens--meines
Wappens--und dieses Degens.

Lady.  Diesen Degen gab Ihnen der Fuerst.

Ferdinand.  Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Fuersten--mein
Herz Gott--mein Wappen ein halbes Jahrtausend.

Lady.  Der Name des Herzogs-Ferdinand (hitzig).  Kann der Herzog
Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen muenzen wie seine
Dreier?--Er selbst ist nicht ueber die Ehre erhaben, aber er kann
ihren Mund mit seinem Golde verstopfen.  Er kann den Hermelin ueber
seine Schande herwerfen.  Ich bitte mir aus, davon nichts mehr,
Milady.--Es ist nicht mehr die Rede von weggeworfenen Aussichten und
Ahnen--oder von dieser Degenquaste--oder von der Meinung der Welt.
Ich bin bereit, Dies alles mit Fuessen zu treten, sobald Sie mich nur
ueberzeugt haben werden, dass der Preis nicht schlimmer noch als das
Opfer ist.

Lady (schmerzhaft von ihm weggehend).  Herr Major! das hab' ich nicht
verdient.

Ferdinand (ergreift ihre Hand).  Vergeben Sie.  Wir reden hier
ohne Zeugen.  Der Umstand, der Sie und mich--heute und nie
mehr--zusammenfuehrt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein
geheimstes Gefuehl nicht zurueck zu halten.--Es will mir nicht
zu Kopfe, Milady, dass eine Dame von so viel Schoenheit und
Geist--Eigenschaften, die ein Mann schaetzen wuerde--sich an einen
Fuersten sollte wegwerfen koennen, der nur das Geschlecht an ihr
zu bewundern gelernt hat, wenn sich diese Dame nicht schaemte,
vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten.

Lady (schaut ihm gross ins Gesicht).  Reden Sie ganz aus!

Ferdinand.  Sie nennen sich eine Brittin.  Erlauben Sie mir--ich kann
es nicht glauben, dass Sie eine Brittin sind.  Die freigeborne Tochter
des freiesten Volks unter dem Himmel--das auch zu stolz ist, fremder
Tugend zu raeuchern--kann sich nimmermehr an fremdes Laster verdingen.
Es ist nicht moeglich, dass Sie eine Brittin sind,--oder das Herz
dieser Brittin muss um so viel kleiner sein, als groesser und kuehner
Britanniens Adern schlagen.

Lady.  Sind Sie zu Ende?

Ferdinand.  Man koennte antworten, es ist weibliche
Eitelkeit--Leidenschaft--Temperament--Hang zum Vergnuegen.  Schon
oefters ueberlebte Tugend die Ehre.  Schon Manche, die mit Schande in
diese Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit
sich ausgesoehnt und das haessliche Handwerk durch einen schoenen
Gebrauch geadelt--Aber woher denn jetzt diese ungeheure Pressung des
Landes, die vorher nie so gewesen?--Das war im Namen des Herzogthums.
--Ich bin zu Ende.

Lady (mit Sanftmuth und Hoheit).  Es ist das Erstemal, Walter, dass
solche Reden an mich gewagt werden, und Sie sind der einzige Mensch,
dem ich darauf antworte--Dass Sie meine Hand verwerfen, darum schaetz'
ich Sie.  Dass Sie meine Hand laestern, vergebe ich Ihnen.  Dass es Ihr
Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht.  Wer sich herausnimmt,
Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine
Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, muss dieser Dame eine grosse
Seele zutrauen, oder--von Sinnen sein--Dass Sie den Ruin des Landes
auf meine Brust waelzen, vergebe Ihnen Gott der Allmaechtige, der Sie
und mich und den Fuersten einst gegen einander stellt.--Aber Sie haben
die Englaenderin in mir aufgefordert, und auf Vorwuerfe dieser Art muss
mein Vaterland Antwort haben.

Ferdinand (auf seinen Degen gestuetzt).  Ich bin begierig.

Lady.  Hoeren Sie also, was ich, ausser Ihnen, noch Niemand vertraute,
noch jemals einem Menschen vertrauen will.--Ich bin nicht die
Abenteurerin, Walter, fuer die Sie mich halten.  Ich koennte gross thun
und sagen: ich bin fuerstlichen Geblueths--aus des ungluecklichen Thomas
Norfolks Geschlechte, der fuer die schottische Maria ein Opfer ward.
--Mein Vater, des Koenigs oberster Kaemmerer, wurde bezichtigt, in
verraetherischem Vernehmen mit Frankreich zu stehen, durch einen
Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet.--Alle unsre Gueter
fielen der Krone zu.  Wir selbst wurden des Landes verwiesen.  Meine
Mutter starb am Tage der Hinrichtung.  Ich--ein vierzehnjaehriges
Maedchen--flohe nach Deutschland mit meiner Waerterin--einem Kaestchen
Juwelen--und diesem Familienkreuz, das meine sterbende Mutter mit
ihrem letzten Segen mir an den Busen steckte.

Ferdinand (wird nachdenkend und heftet waermere Blicke auf die Lady).

Lady (faehrt fort mit immer zunehmender Ruehrung).  Krank--ohne
Namen--ohne Schutz und Vermoegen--eine auslaendische Waise, kam ich
nach Hamburg.  Ich hatte nichts gelernt, als das Bischen
Franzoesisch--ein wenig Filet und den Fluegel--desto besser verstund
ich, auf Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu
schlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die
Schmeicheleien der Grossen Ihres Geschlechts aufzunehmen.--Sechs Jahre
waren schon hingeweint.--Und die letzte Schmucknadel flog
dahin--Meine Waerterin starb--und jetzt fuehrte mein Schicksal Ihren
Herzog nach Hamburg.  Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah
in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder
mein Leiden das Tiefste waere?--Der Herzog sah mich, verfolgte mich,
fand meinen Aufenthalt,--lag zu meinen Fuessen und schwur, dass er mich
liebe.  (Sie haelt in grossen Bewegungen inne, dann faehrt sie fort mit
weinender Stimme.)  Alle Bilder meiner gluecklichen Kindheit wachten
jetzt wieder mit verfuehrendem Schimmer auf--Schwarz wie das Grab
graute mich eine trostlose Zukunft an--Mein Herz brannte nach einem
Herzen--Ich sank an das seinige.  (Von ihm wegstuerzend.).  Jetzt
verdammen Sie mich!

Ferdinand (sehr bewegt, eilt ihr nach und haelt sie zurueck).  Lady! o
Himmel!  Was hoer' ich?  Was that ich?--Schrecklich enthuellt sich mein
Frevel mir.  Sie koennen mir nicht mehr vergeben.

Lady (kommt zurueck und hat sich zu sammeln gesucht).  Hoeren Sie
weiter.  Der Fuerst ueberraschte zwar meine wehrlose Jugend--aber das
Blut der Norfolk empoerte sich in mir: Du, eine geborene Fuerstin,
Emilie, rief es, und jetzt eines Fuersten Concubine?--Stolz und
Schicksal kaempften in meiner Brust, als der Fuerst mich hieher brachte
und auf einmal die schauderndste Scene vor meinen Augen stand!--Die
Wollust der Grossen dieser Welt ist die nimmersatte Hyaene, die sich
mit Heisshunger Opfer sucht.--Fuerchterlich hatte sie schon in diesem
Lande gewuethet--hatte Braut und Braeutigam zertrennt--hatte selbst der
Ehen goettliches Band zerrissen--hier das stille Glueck einer Familie
geschleift--dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest
aufgeschlossen, und sterbende Schuelerinnen schaeumten den Namen ihres
Lehrers unter Fluechen und Zuckungen aus--Ich stellte mich zwischen
das Lamm und den Tiger, nahm einen fuerstlichen Eid von ihm in einer
Stunde der Leidenschaft, und diese abscheuliche Opferung musste
aufhoeren.

Ferdinand (rennt in der heftigsten Unruhe durch den Saal).  Nichts
mehr, Milady!  Nicht weiter!

Lady.  Diese traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz
gemacht.  Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf.
Flatterhafte Pariserinnen taendelten mit dem furchtbaren Scepter, und
das Volk blutete unter ihren Launen--Sie alle erlebten ihren Tag.
Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich war mehr Kokette,
als sie alle.  Ich nahm dem Tyrannen den Zuegel ab, der wolluestig in
meiner Umarmung erschlappte--dein Vaterland, Walter, fuehlte zum
erstenmal eine Menschenhand und sank vertrauend an meinen Busen.
(Pause, worin sie ihn schmelzend ansieht.)  O dass der Mann, von dem
ich allein nicht verkannt sein moechte, mich jetzt zwingen muss, gross
zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu
versengen!--Walter, ich habe Kerker gesprengt--habe Todesurtheile
zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkuerzt.  In
unheilbare Wunden hab' ich doch wenigstens stillenden Balsam
gegossen--maechtige Frevler in Staub gelegt und die verlorene Sache
der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Thraene gerettet--Ha,
Juengling, wie suess war mir das!  Wie stolz konnte mein Herz jede
Anklage meiner fuerstlichen Geburt widerlegen!--Und jetzt kommt der
Mann, der allein mir Das alles belohnen sollte--der Mann, den mein
erschoepftes Schicksal vielleicht zum Ersatz meiner vorigen Leiden
schuf--der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon
umfasse-Ferdinand (faellt ihr ins Wort, durch und durch erschuettert).
Zu viel! zu viel!  Das ist wieder die Abrede, Lady.  Sie sollten sich
von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher.  Schonen
Sie--ich beschwoere Sie--schonen Sie meines Herzens, das Beschaemung
und wuethende Reue zerreissen-Lady (haelt seine Hand fest).  Jetzt oder
nimmermehr!  Lange genug hielt die Heldin Stand--das Gewicht dieser
Thraenen musst du noch fuehlen.  (Im zaertlichsten Ton.)  Hoere,
Walter--wenn eine Unglueckliche--unwiderstehlich, allmaechtig an dich
gezogen--sich an dich presst mit einem Busen voll gluehender,
unerschoepflicher Liebe--Walter!--und du jetzt noch das kalte Wort
Ehre sprichst--wenn diese Unglueckliche--niedergedrueckt vom Gefuehl
ihrer Schande--des Lasters ueberdruessig--heldenmaessig emporgehoben vom
Rufe der Tugend--sich so--in deine Arme wirft (sie umfasst ihn,
beschwoerend und feierlich)--durch dich gerettet--durch dich dem
Himmel wieder geschenkt sein will, oder (das Gesicht von ihm
abgewandt, mit hohler bebender Stimme)  deinem Bild zu entfliehen, dem
fuerchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorsam, in noch abscheulichere
Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt-Ferdinand (von ihr
losreissend, in der schrecklichsten Bedraengniss).  Nein, beim grossen
Gott! ich kann das nicht aushalten--Lady, ich muss--Himmel und Erde
liegen auf mir--ich muss Ihnen ein Gestaendniss thun, Lady!

Lady (von ihm wegfliehend).  Jetzt nicht!  Jetzt nicht, bei Allem,
was heilig ist--in diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein
zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen blutet--Sei's Tod oder
Leben--ich darf es nicht--ich will es nicht hoeren!

Ferdinand.  Doch, doch, beste Lady!  Sie muessen es.  Was ich Ihnen
jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme
Abbitte des Vergangenen sein--Ich habe mich in Ihnen betrogen, Milady.
Ich erwartete--ich wuenschte, Sie meiner Verachtung wuerdig zu finden.
Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Hass zu verdienen,
kam ich her--Gluecklich wir Beide, wenn mein Vorsatz gelungen waere!
(Er schweigt eine Weile, darauf leise und schuechterner.)  Ich liebe,
Milady--liebe ein buergerliches Maedchen--Luise Millerin, eines Musikus
Tochter.  (Lady wendet sich bleich von ihm weg, er faehrt lebhafter
fort.)  Ich weiss, worein ich mich stuerze; aber wenn auch Klugheit die
Leidenschaft schweigen heisst, so redet die Pflicht desto lauter--Ich
bin der Schuldige.  Ich zuerst zerriss ihrer Unschuld goldenen
Frieden--wiegte ihr Herz mit vermessenen Hoffnungen und gab es
verraetherisch der wilden Leidenschaft Preis--Sie werden mich an
Stand--an Geburt--an die Grundsaetze meines Vaters erinnern--aber ich
liebe.--Meine Hoffnung steigt um so hoeher, je tiefer die Natur mit
Convenienzen zerfallen ist.--Mein Entschluss und das Vorurtheil!--Wir
wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben
wird.  (Lady hat sich unterdess bis an das aeusserste Ende des Zimmers
zurueckgezogen und haelt das Gesicht mit beiden Haenden bedeckt.  Er
folgt ihr dahin.)  Sie wollten mir etwas sagen, Milady?

Lady (im Ausdruck des heftigsten Leidens).  Nichts, Herr von Walter!
Nichts, als dass Sie sich und mich und noch eine Dritte zu Grund
richten.

Ferdinand.  Noch eine Dritte?

Lady.  Wir koennen mit einander nicht gluecklich w.  Wir muessen doch
der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden.  Nimmermehr werd' ich
das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab.

Ferdinand.  Gezwungen?  Lady? gezwungen gab? und also doch gab?
Koennen Sie eine Hand ohne Herz erzwingen?  Sie einem Maedchen den Mann
entwenden, der die ganze Welt dieses Maedchens ist?  Sie einen Mann
von dem Maedchen reissen, das die ganze Welt dieses Mannes ist?  Sie,
Milady--vor einem Augenblick die bewundernswuerdige Britten?--Sie
koennen das?

Lady.  Weil ich es muss.  (Mit Ernst und Staerke.)  Meine Leidenschaft,
Walter, weicht meiner Zaertlichkeit fuer Sie.  Meine Ehre kann's nicht
mehr--Unsre Verbindung ist das Gespraech des ganzen Landes.  Alle
Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich gespannt.  Die
Beschimpfung ist unausloeschlich, wenn ein Unterthan des Fuersten mich
ausschlaegt.  Rechten Sie mit Ihrem Vater.  Wehren Sie sich, so gut
Sie koennen.--Ich lass' alle Minen springen.  (Sie geht schnell ab.
Der Major bleibt in sprachloser Erstarrung stehen.  Pause.  Dann
stuerzt er fort durch die Fluegelthuere.)



Vierte Scene.

Zimmer beim Musikanten.


Miller.  Frau Millerin.  Luise treten auf.

Miller (hastig ins Zimmer).  Ich hab's ja zuvor gesagt!

Luise (sprengt ihn aengstlich an).  Was, Vater? was?

Miller (rennt wie toll auf und nieder).  Meinen Staatsrock
her--hurtig--ich muss ihm zuvorkommen--und ein weisses Manschettenhemd!
--Das hab' ich mir gleich eingebildet!

Luise.  Um Gotteswillen!  Was?

Millerin.  Was gibt's denn? was ist's denn?

Miller (wirft seine Perruecke ins Zimmer).  Nur gleich zum Friseur das!
--Was es gibt?  (Vor den Spiegel gesprungen.)  Und mein Bart ist auch
wieder fingerslang--Was es gibt?--Was wird's geben, du Rabenaas?--Der
Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen!

Frau.  Da sehe man!  Ueber mich muss gleich alles kommen.

Miller.  Ueber dich?  Ja, blaues Donnermaul! und ueber wen anders?
Heute frueh mit deinem diabolischen Junker--Hab ich's nicht im Moment
gesagt?--Der Wurm hat geplaudert.

Frau.  Ah was!  Wie kannst du das wissen?

Miller.  Wie kann ich das wissen?--Da!--unter der Hausthuere spukt ein
Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger.

Luise.  Ich bin des Todes!

Miller.  Du aber auch mit deinen Vergissmeinnicht-Augen!  (Lacht
voller Bosheit.)  Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in
die Wirthschaft gelegt hat, dem wird eine huebsche Tochter
geboren--Jetzt hab' ich's blank.

Frau.  Woher weisst du denn, dass es der Luise gilt?--Du kannst dem
Herzog recommendiert worden sein.  Er kann dich ins Orchester
verlangen.

Miller (springt nach seinem Rohr).  Dass dich der Schwefelregen von
Sodom!--Orchester!--Ja, wo du Kupplerin den Discant wirst heulen und
mein blauer Hinterer den Conterbass vorstellen!  (Wirft sich in seinen
Stuhl.)  Gott im Himmel!

Luise (setzt sich todtenbleich nieder).  Mutter!  Vater!  Warum wird
mir auf einmal so bange?

Miller (springt wieder vom Stuhl auf).  Aber soll mir der
Dintenkleckser einmal in den Schuss laufen?--Soll er mir laufen?  Es
sei in dieser oder in jener Welt--Wenn ich ihm nicht Leib und Seele
breiweich zusammendresche, alle zehen Gebote und alle sieben Bitten
im Vaterunser, und alle Buecher Mosis und der Propheten aufs Leder
schreibe, dass man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Todten
noch sehen soll-Frau.  Ja! fluch du und poltre du!  Das wird jetzt
den Teufel bannen!  Hilf, heiliger Herregott!  Wo hinaus nun?  Wie
werden wir Rath schaffen?  Was nun anfangen?  Vater Miller, so rede
doch!  (Sie laeuft heulend durchs Zimmer.)

Miller.  Auf der Stell zum Minister will ich.  Ich zuerst will mein
Maul aufthun--ich selbst will es angeben.  Du hast es vor mir gewusst.
Du haettest mir einen Wink geben koennen.  Das Maedel haett' sich noch
weisen lassen.  Es waere noch Zeit gewesen--aber nein!--Da hat sich
was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen!  Da hast du noch
Holz obendrein zugetragen!--Jetzt sorg' auch fuer deinen Kuppelpelz.
Friss aus, was du einbrocktest!  Ich nehme meine Tochter in Arm, und
marsch mit ihr ueber die Grenze!



Fuenfte Scene.

Ferdinand von Walter stuerzt erschrocken und ausser Athem ins Zimmer.
Die Vorigen.


Ferdinand.  War mein Vater da?

Luise (faehrt mit Schrecken auf).  Sein Vater!  Allmaechtiger Gott!

Frau (zugleich; schlaegt die Haende zusammen).  Der Praesident!  Es ist
aus mit uns!

Miller (zugleich; lacht voller Bosheit).  Gottlob!  Gottlob! da haben
wir ja die Bescherung!

Ferdinand (eilt auf Luisen zu und drueckt sie stark in die Arme).
Mein bist du, und waerfen Hoell' und Himmel sich zwischen uns!

Luise.  Mein Tod ist gewiss--Rede weiter--Du sprachst einen
schrecklichen Namen aus--Dein Vater?

Ferdinand.  Nichts.  Nichts.  Es ist ueberstanden.  Ich hab' dich ja
wieder.  Du hast mich ja wieder.  O, lass mich Athem schoepfen an
dieser Brust!  Es war eine schreckliche Stunde.

Luise.  Welche?  Du toedtest mich?

Ferdinand (tritt zurueck und schaut sie bedeutend an).  Eine Stunde,
Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich
warf--wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblasste--wo meine Luise
aufhoerte, ihrem Ferdinand Alles zu sein-Luise (sinkt mit verhuelltem
Gesicht auf den Sessel nieder).

Ferdinand (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem
Blick vor ihr stehen, dann verlaesst er sie ploetzlich, in grosser
Bewegung).  Nein!  Nimmermehr!  Unmoeglich, Lady!  Zu viel verlangt!
Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern--Nein, beim unendlichen Gott!
ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels
Donner aus diesem brechenden Auge mahnt--Lady, blick hieher--hieher,
du Rabenvater--Ich soll diesen Engel wuergen!  Die Hoelle soll ich in
diesen himmlischen Busen schuetten?  (Mit Entschluss auf sie zueilend.)
Ich will sie fuehren vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe
Verbrechen ist, soll der Ewige sagen.  (Er fasst sie bei der Hand und
hebt sie vom Sessel.)  Fasse Muth, meine Theuerste!--Du hast gewonnen!
Als Sieger komm' ich aus dem gefaehrlichsten Kampf zurueck.

Luise.  Nein!  Nein!  Verhehle mir nichts.  Sprich es aus, das
entsetzliche Urtheil.  Deinen Vater nanntest du?  Du nanntest die
Lady?--Schauer des Todes ergreifen mich--Man sagt, sie wird heirathen.

Ferdinand (stuerzt betaeubt zu Luisens Fuessen nieder).  Mich,
Unglueckselige!

Luise (nach einer Pause, mit stillem bebenden Ton und schrecklicher
Ruhe).  Nun--was erschreck' ich denn?  Der alte Mann dort hat mir's
ja oft gesagt--ich hab' es ihm nie glauben wollen.  (Pause, dann
wirft sie sich Millern laut weinend in die Arme.).  Vater, hier ist
deine Tochter wieder--Verzeihung, Vater!--Dein Kind kann ja nicht
dafuer, dass dieser Traum so schoen war, und--so fuerchterlich jetzt das
Erwachen-Miller.  Luise!  Luise!--O Gott, sie ist von sich--Meine
Tochter, mein armes Kind--Fluch ueber den Verfuehrer!--Fluch ueber das
Weib, das ihm kuppelte!

Frau (wirft sich jammernd auf Luisen).  Verdien' ich diesen Fluch,
meine Tochter?  Vergeb's Ihnen Gott, Baron!--Was hat dieses Lamm
gethan, dass Sie es wuergen?

Ferdinand (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit).  Aber ich will
seine Kabalen durchbohren--durchreissen will ich alle diese eisernen
Ketten des Vorurtheils--Frei wie ein Mann will ich waehlen, dass diese
Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln!  (Er will
fort.)

Frau (eilt ihm nach, haengt sich an ihn).  Der Praesident wird hieher
kommen--Er wird unser Kind misshandeln--Er wird uns misshandeln--Herr
von Walter, und Sie verlassen uns?

Miller (lacht wuethend).  Verlaesst uns!  Freilich!  Warum nicht?--Sie
gab ihm ja Alles hin!  (Mit der einen Hand den Major, mit der andern
Luisen fassend.)  Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hause geht nur ueber
diese da--Erwarte erst deinen Vater! wenn du kein Bube bist--Erzaehl'
es ihm, wie du dich in ihr Herz stahlst, Betrueger, oder, bei Gott!
(Ihm seine Tochter zuschleudernd, wild und heftig.)  Du sollst mir
zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir so zu
Schanden richtete!

Ferdinand (kommt zurueck und geht auf und ab in tiefen Gedanken).
Zwar die Gewalt des Praesident ist gross--Vaterrecht ist ein weites
Wort--der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er
kann es weit damit treiben--weit!--Doch aufs Aeusserste treibt's nur
die Liebe--Hier, Luise!  Deine Hand ist die meinige!  (Er fasst diese
heftig.)  So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll!
--der Augenblick, der diese zwei Haende trennt, zerreisst auch den
Faden zwischen mir und der Schoepfung!

Luise.  Mir wird bange!  Blick' weg!  Deine Lippen beben!  Dein Auge
rollt fuerchterlich-Ferdinand.  Nein, Luise!  Zittre nicht!  Es ist
nicht Wahnsinn, was aus mir redet.  Es ist das koestliche Geschenk des
Himmels, Entschluss in dem geltenden Augenblick, wo die gepresste Brust
nur durch etwas Unerhoertes sich Luft macht--Ich liebe dich, Luise--Du
sollst mir bleiben, Luise--Jetzt zu meinem Vater!  (Er eilt schnell
fort und rennt--gegen den Praesident.)



Sechste Scene.

Der Praesident mit einem Gefolge von Bedienten.  Vorige.


Praesident (im Hereintreten).  Da ist er schon.

Alle (erschrocken).

Ferdinand (weicht einige Schritte zurueck).  Im Hause der Unschuld.

Praesident.  Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt?

Ferdinand.  Lassen Sie und das-Praesident (unterbricht ihn, zu
Millern).  Er ist der Vater?

Miller.  Stadtmusikant Miller.

Praesident (zur Frau).  Sie die Mutter?

Frau.  Ach ja, die Mutter!

Ferdinand (zu Millern).  Vater, bring Er die Tochter weg--sie droht
eine Ohnmacht.

Praesident.  Ueberfluessige Sorgfalt!  Ich will sie anstreichen.  (Zu
Luisen.)  Wie lang kennt Sie den Sohn des Praesidenten?

Luise.  Diesem habe ich nie nachgefragt.  Ferdinand von Walter
besucht mich seit dem November.

Ferdinand.  Betet sie an.

Praesident.  Erhielt sie Versicherungen?

Ferdinand.  Vor wenig Augenblicken die feierlichste im Angesicht
Gottes.

Praesident (zornig zu seinem Sohn).  Zur Beichte deiner Thorheit wird
man dir schon das Zeichen geben.  (Zu Luisen.)  Ich warte auf Antwort.

Luise.  Er schwur mir Liebe.

Ferdinand.  Und wird sie halten.

Praesident.  Muss ich befehlen, dass du schweigst?--Nahm Sie den Schwur
an?

Luise (zaertlich).  Ich erwiederte ihn.

Ferdinand (mit fester Stimme).  Der Bund ist geschlossen.

Praesident.  Ich werde das Echo hinaus werfen lassen.  (Boshaft zu
Luisen.)  Aber er bezahlte Sie doch jederzeit baar?

Luise (aufmerksam).  Diese Frage verstehe ich nicht ganz.

Praesident (mit beissendem Lachen).  Nicht?  Nun! ich meine nur--Jedes
Handwerk hat, wie man sagt, einen goldenen Boden--auch Sie, hoff' ich,
wird Ihre Gunst nicht verschenkt haben--oder war's Ihr vielleicht
mit dem blossen Verschluss gedient?  Wie?

Ferdinand (faehrt wie rasend auf).  Hoelle! was war das?

Luise (zum Major mit Wuerde und Unwillen).  Herr von Walter, jetzt
sind Sie frei.

Ferdinand.  Vater!  Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im
Bettlerkleid.

Praesident (lacht lauter).  Eine lustige Zumuthung!  Der Vater soll
die Hure des Sohns respectieren.

Luise (stuerzt nieder).  O Himmel und Erde!

Ferdinand (mit Luisen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem
Praesidenten zueckt, den er aber schnell wieder sinken laesst).  Vater!
Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern--Es ist bezahlt.  (Den
Degen einsteckend.)  Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt
zerrissen da-Miller (der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden,
tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zaehnen
knirschend und vor Angst damit klappernd): Euer Excellenz--Das Kind
ist des Vaters Arbeit--Halten zu Gnaden--Wer das Kind eine Maehre
schilt, schlaegt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig--Das ist so
Tax bei uns--Halten zu Gnaden.

Frau.  Hilf, Herr und Heiland!--Jetzt bricht auch der Alte los--ueber
unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen.

Praesident (der es nur halb gehoert hat).  Regt sich der Kuppler
auch?--Wir sprechen uns gleich, Kuppler.

Miller.  Halten zu Gnaden.  Ich heisse Miller, wenn Sie ein Adagio
hoeren wollen--mit Buhlschaften dien' ich nicht.  So lang der Hof da
noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Buergersleut'.
Halten zu Gnaden.

Frau.  Um des Himmels willen, Mann!  Du bringst Weib und Kind um.

Ferdinand.  Sie spielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie sich
wenigstens die Zeugen haetten ersparen koennen.

Miller (kommt ihm naeher, herzhafter).  Deutsch und verstaendlich.
Halten zu Gnaden.  Euer Excellenz schalten und walten im Land.  Das
ist meine Stube.  Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein
pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Thuer
hinaus--Halten zu Gnaden.

Praesident (vor Wuth blass).  Was?--Was ist das?  (Tritt naeher.)

Miller (zieht sich sachte zurueck).  Das war nur so meine Meinung,
Herr--Halten zu Gnaden.

Praesident (in Flammen).  Ha, Spitzbube!  Ins Zuchthaus spricht dich
deine vermessene Meinung--Fort!  Man soll Gerichtsdiener holen.
(Einige vom Gefolge gehen ab; der Praesident rennt voll Wuth durch das
Zimmer.)  Vater ins Zuchthaus--an den Pranger Mutter und Metze von
Tochter!--Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen.  Fuer
diesen Schimpf muss ich schreckliche Genugthuung haben--Ein solches
Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn
aneinander hetzen?--Ha, Verflucht!  Ich will meinen Hass an eurem
Untergang saettigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will
ich meiner brennenden Rache opfern.

Ferdinand (tritt gelassen und standhaft unter sie hin).  O nicht doch!
Seit ausser Furcht!  Ich bin zugegen.  (Zum Praesidenten mit
Unterwuerfigkeit.)  Keine Uebereilung, mein Vater!  Wenn Sie sich selbst
lieben, keine Gewaltthaetigkeit!--Es gibt eine Gegend in meinem Herzen,
worin das Wort Vater noch nie gehoert worden ist--Dringen Sie nicht
bis in diese.

Praesident.  Nichtswuerdiger!  Schweig!  Reize meinen Grimm nicht noch
mehr!

Miller (kommt aus einer dumpfen Betaeubung zu sich selbst).
Schau du nach deinem Kinde, Frau.  Ich laufe zum Herzog--Der
Leibschneider--das hat mir Gott eingeblasen!--der Leibschneider
lernt die Floete bei mir.  Es kann mir nicht fehlen beim Herzog.
(Er will gehen.)

Praesident.  Beim Herzog, sagst du?--Hast du vergessen, dass ich die
Schwelle bin, worueber du springen oder den Hals brechen musst?--Beim
Herzog, du Dummkopf?--Versuch' es, wenn du, lebendig todt, eine
Thurmhoehe tief, unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit
der Hoelle liebaeugelt und Schall und Licht wieder umkehren.  Rassle
dann mit deinen Ketten und wimmre: Mir ist zu viel geschehen.



Siebente Scene.

Gerichtsdiener.  Die Vorigen.


Ferdinand (eilt auf Luisen zu, die ihm halb todt in die Arme faellt).
Luise!  Hilfe!  Rettung!  Der Schrecken ueberwaeltigt sie!

Miller (ergreift sein spanisches Rohr, setzt den Hut auf und macht
sich zum Angriff gefasst).

Frau (wirft sich auf die Kniee vor dem Praesident).

Praesident (zu den Gerichtsdienern, seinen Orden entbloessend).  Legt
Hand an, im Namen des Herzogs--Weg von der Metze, Junge--Ohnmaechtig
oder nicht--wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man
sie schon mit Steinwuerfen aufwecken.

Frau.  Erbarmung, Ihro Excellenz!  Erbarmung!  Erbarmung!

Miller (reisst seine Frau in die Hoehe).  Knie vor Gott! alte Heulhure,
und nicht vor--Schelmen, weil ich ja doch schon ins Zuchthaus muss.

Praesident (beisst die Lippen).  Du kannst dich verrechnen, Bube.  Es
stehen noch Galgen leer!  (Zu den Gerichtsdienern.)  Muss ich es noch
einmal sagen?

Gerichtsdiener (dringen auf Luisen ein).

Ferdinand (springt an ihr auf und stellt sich vor sie, grimmig).  Wer
will was?  (Er zieht den Degen sammt der Scheide und wehrt sich mit
dem Gefaess.)  Wag' es, sie anzuruehren, wer nicht auch die Hirnschale an
die Gerichte vermiethet hat.  (Zum Praesident.)  Schonen Sie Ihrer
selbst!  Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater.

Praesident (drohend zu den Gerichtsdienern).  Wenn euch euer Brod lieb
ist, Memmen-Gerichtsdiener (greifen Luisen wieder an).

Ferdinand.  Tod und alle Teufel!  Ich sage: Zurueck!--Noch einmal!
Haben Sie Erbarmen mit sich selbst.  Treiben Sie mich nicht aufs
Aeusserste, Vater.

Praesident (aufgebracht zu den Gerichtsdienern).  Ist das euer
Diensteifer, Schurken?

Gerichtsdiener (greifen hitziger an).

Ferdinand.  Wenn es denn sein muss (indem er den Degen zieht und
einige von denselben verwundet), so verzeih mir, Gerechtigkeit!

Praesident (voll Zorn).  Ich will doch sehen, ob auch ich diesen Degen
fuehle.  (Er fasst Luisen selbst, zerrt sie in die Hoehe und uebergibt
sie einem Gerichtsknecht.)

Ferdinand (lacht erbittert).  Vater, Vater!  Sie machen hier ein
beissendes Pasquill auf die Gottheit, die sich so uebel auf ihre Leute
verstund und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister
machte.

Praesident (zu den Uebrigen).  Fort mit ihr!

Ferdinand.  Vater, sie soll an den Pranger stehen, aber mit dem Major,
des Praesidenten Sohn--Bestehen Sie noch darauf?

Praesident.  Desto possierlicher wird das Spektakel--Fort!

Ferdinand.  Vater, ich werfe meinen Officiersdegen auf das Maedchen.
--Bestehen Sie noch darauf?

Praesident.  Das Porte-Epée ist an deiner Seite des Prangerstehens
gewohnt worden--Fort!  Fort!  Ihr wisst meinen Willen.

Ferdinand (drueckt einen Gerichtsdiener weg, fasst Luisen an einem Arm,
mit dem andern zueckt er den Degen auf sie).  Vater!  Eh Sie meine
Gemahlin beschimpfen, durchstoss' ich sie--Bestehen Sie noch darauf?

Praesident.  Thu' es, wenn deine Klinge noch spitzig ist.

Ferdinand (laesst Luisen fahren und blickt fuerchterlich zum Himmel).
Du, Allmaechtiger, bist Zeuge!  Kein menschliches Mittel liess ich
unversucht--ich muss zu einem teuflischen schreiten--Ihr fuehrt sie zum
Pranger fort, unterdessen (dem Praesidenten ins Ohr rufend) erzaehl'
ich der Residenz eine Geschichte, wie man Praesident wird.  (Ab.)

Praesident (wie vom Blitz geruehrt).  Was ist das?--Ferdinand--Lasst sie
ledig!  (Er eilt dem Major nach.)




Dritter Akt.

Saal beim Praesidenten.



Erste Scene.

Der Praesident und Sekretaer Wurm kommen.


Praesident.  Der Streich war verwuenscht.

Wurm.  Wie ich befuerchtete, gnaediger Herr.  Zwang erbittert die
Schwaermer immer, aber bekehrt sie nie.

Praesident.  Ich hatte mein bestes Vertrauen in diesen Anschlag
gesetzt.  Ich urtheilte so: Wenn das Maedchen beschimpft wird, muss er,
als Officier, zuruecktreten.

Wurm.  Ganz vortrefflich.  Aber zum Beschimpfen haett' es auch kommen
sollen.

Praesident.  Und doch--wenn ich es jetzt mit kaltem Blut
ueberdenke--Ich haette mich nicht sollen eintreiben lassen--Es war eine
Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernst gemacht haette.

Wurm.  Das denken Sie ja nicht.  Der gereizten Leidenschaft ist keine
Thorheit zu bunt.  Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf
zu Ihrer Regierung geschuettelt.  Ich glaub's.  Die Grundsaetze, die er
aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht
einleuchten.  Was sollten auch die phantastischen Traeumereien von
Seelengroesse und persoenlichem Adel an einem Hof, wo die groesste
Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art,
gross und klein zu sein!  Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack
am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird
seine Ambition in Bewegung setzen, als was gross ist und abenteuerlich.

Praesident (verdriesslich).  Aber was wird diese wohlweise Anmerkung an
unserm Handel verbessern?

Wurm.  Wie wird Ew.  Excellenz auf die Wunde hinweisen, und auch
vielleicht auf den Verband.  Einen solchen Charakter--erlauben
Sie--haette man entweder nie zum Vertrauten, oder niemals zum Feind
machen sollen.  Er verabscheut das Mittel, wodurch Sie gestiegen sind.
Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des
Verraethers band.  Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmaessig
abzuschuetteln; machen Sie ihn durch wiederholte Stuerme auf seine
Leidenschaft glauben, dass Sie der zaertliche Vater nicht sind, so
dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor.  Ja, schon allein
die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so merkwuerdiges Opfer
zu bringen, koennte Reiz genug fuer ihn haben, selbst seinen Vater zu
stuerzen.

Praesident.  Wurm--Wurm--Er fuehrt mich da vor einen entsetzlichen
Abgrund.

Wurm.  Ich will Sie zurueckfuehren, gnaediger Herr.  Darf ich freimuethig
reden?

Praesident (indem er sich niedersetzt).  Wie ein Verdammter zum
Mitverdammten.

Wurm.  Also verzeihen Sie--Sie haben, duenkt mich, der biegsamen
Hofkunst den ganzen Praesidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr
nicht auch den Vater an?  Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie
Ihren Vorgaenger damals zu einer Partie Piquet beredeten und bei ihm
die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten,
und das war doch die naemliche Nacht, wo die grosse Mine losgehen und
den guten Mann in die Luft blasen sollte--Warum zeigten Sie Ihrem
Sohne den Feind?  Nimmermehr haette dieser erfahren sollen, dass ich um
seine Liebesangelegenheit wisse.  Sie haetten den Roman von Seiten des
Maedchens unterhoehlt und das Herz Ihres Sohnes behalten.  Sie haetten
den klugen General gespielt, der den Feind nicht am Kern seiner
Truppen fasst, sondern Spaltungen unter den Gliedern stiftet.

Praesident.  Wie war das zu machen?

Wurm.  Auf die einfachste Art--und die Karten sind noch nicht ganz
vergeben.  Unterdruecken Sie eine Zeit lang, dass Sie Vater sind.
Messen Sie sich mit einer Leidenschaft nicht, die jeder Widerstand
nur maechtiger machte--Ueberlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer
den Wurm auszubrueten, der sie zerfrisst.

Praesident.  Ich bin begierig.

Wurm.  Ich muesste mich schlecht auf den Barometer der Seele verstehen,
oder der Herr Major ist in der Eifersucht schrecklich, wie in der
Liebe.  Machen Sie ihm das Maedchen verdaechtig--Wahrscheinlich oder
nicht.  Ein Gran Hefe reicht hin, die ganze Masse in eine zerstoerende
Gaehrung zu jagen.

Praesident.  Aber woher diesen Gran nehmen?

Wurm.  Da sind wir auf dem Punkt--vor allen Dingen, gnaediger Herr,
erklaeren Sie sich mir, wie viel Sie bei der ferneren Weigerung des
Majors auf dem Spiel haben--in welchem Grade es Ihnen wichtig ist,
den Roman mit dem Buergermaedchen zu endigen und die Verbindung mit
Lady Milford zu Stand zu bringen?

Praesident.  Kann Er noch fragen, Wurm?--Mein ganzer Einfluss ist in
Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zurueckgeht, und wenn ich den
Major zwinge, mein Hals.

Wurm (munter).  Jetzt haben Sie die Gnade und hoeren--Den Herrn Major
umspinnen wir mit List.  Gegen das Maedchen nehmen wir Ihre ganze
Gewalt zu Hilfe.  Wir dictieren ihr ein Billetdoux an eine dritte
Person in die Feder und spielen das mit guter Art dem Major in die
Haende.

Praesident.  Toller Einfall!  Als ob sie sich so geschwind hin
bequemen wuerde, ihr eigenes Todesurtheil zu schreiben?

Wurm.  Sie muss, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen.  Ich kenne das
gute Herz auf und nieder.  Sie hat nicht mehr als zwo toedtliche
Seiten, durch welche wir ihre Gewissen bestuermen koennen--ihren Vater
und den Major.  Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; desto
freier koennen wir mit dem Musikanten umspringen.

Praesident.  Als zum Exempel?

Wurm.  Nach Dem, was Ew.  Excellenz mir von dem Auftritt in
seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den
Vater mit einem Halsprocess zu bedrohen.  Die Person des
Guenstlings und Siegelbewahrers ist gewissermassen der Schatten
der Majestaet--Beleidigungen gegen jenen sind Verletzungen
dieser--Wenigstens will ich den armen Schaecher mit diesem
zusammengeflickten Kobold durch ein Nadeloehr jagen.

Praesident.  Doch--ernsthaft duerfte der Handel nicht werden.

Wurm.  Ganz und gar nicht--Nur in so weit, als es noethig ist, die
Familie in die Klemme zu treiben--Wir setzen also in aller Stille den
Musikus fest--Die Noth um so dringender zu machen, koennte man auch
die Mutter mitnehmen,--sprechen von peinlicher Anklage, von Schaffot,
von ewiger Festung, und machen den Brief der Tochter zur einzigen
Bedingung seiner Befreiung.

Praesident.  Gut!  Gut!  Ich verstehe.

Wurm.  Sie liebt ihren Vater--bis zur Leidenschaft, moecht' ich sagen.
Die Gefahr seines Lebens--seiner Freiheit zum Mindesten--die
Vorwuerfe ihres Gewissens, den Anlass dazu gegeben zu haben--die
Unmoeglichkeit, den Major zu besitzen--endlich die Betaeubung ihres
Kopfs, die ich auf mich nehme--es kann nicht fehlen--sie muss in die
Falle gehn.

Praesident.  Aber mein Sohn?  Wird er nicht auf der Stelle Wind davon
haben?

Wurm.  Das lassen Sie meine Sorge sein, gnaediger Herr--Vater und
Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen
koerperlichen Eid darauf abgelegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten
und den Betrug zu bestaetigen.

Praesident.  Einen Eid?  Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf?

Wurm.  Nichts bei uns, gnaediger Herr!  Bei dieser Menschenart
Alles--Und sehen Sie nun, wie schoen wir Beide auf diese Manier zum
Ziele kommen werden--Das Maedchen verliert die Liebe des Majors und
den Ruf ihrer Tugend.  Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf,
und durch und durch weich gemacht von Schicksalen dieser Art,
erkennen sie's noch zuletzt fuer Erbarmung, wenn ich der Tochter durch
meine Hand ihre Reputation wieder gebe.

Praesident (lacht unter Kopfschuetteln).  Ja, ich gebe mich dir
ueberwunden, Schurke!  Das Geweb' ist satanisch fein.  Der Schueler
uebertrifft seinen Meister--Nun ist die Frage, an wen das Billet muss
gerichtet werden?  Mit wem wir sie in Verdacht bringen muessen?

Wurm.  Nothwendig mit Jemand, der durch den Entschluss Ihres Sohnes
Alles gewinnen oder Alles verlieren muss.

Wurm (nach einigem Nachdenken).  Ich weiss nur den Hofmarschall.

Wurm (zuckt die Achseln).  Mein Geschmack waer' es nun freilich nicht,
wenn ich Luise Millerin hiesse.

Praesident.  Und warum nicht?  Wunderlich!  Eine blendende
Garderobe--Eine Atmosphaere von Eau de mille fleurs und Bisam--und
jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten--und alles Das sollte die
Delicatesse einer buergerlichen Dirne nicht endlich bestechen koennen?
O, guter Freund! so scrupuloes ist die Eifersucht nicht!  Ich schicke
zum Marschall.  (Klingelt.)

Wurm.  Unterdessen, dass Ew.  Excellenz dieses und die Gefangennehmung
des Geigers besorgen, werd' ich hingehen und den bewussten Liebesbrief
aufsetzen.

Praesident (zum Schreibpult gehend).  Den Er mir zum Durchlesen
heraufbringt, sobald er zu Stand sein wird.  (Wurm geht ab.  Der
Praesident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht
auf und gibt ihm ein Papier.)  Dieser Verhaftsbefehl muss ohne Aufschub
in die Gerichte--ein Andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir
bitten.

Kammerdiener.  Der gnaedige Herr sind so eben hier angefahren.

Praesident.  Noch besser--aber die Anstalten sollen mit Vorsicht
getroffen werden, sagt ihr, dass kein Aufstand erfolgt.

Kammerdiener.  Sehr wohl, Ihr' Excellenz!

Praesident.  Versteht ihr?  Ganz in der Stille!

Kammerdiener.  Ganz gut, Ihr' Excellenz!  (Ab.)



Zweite Scene.

Der Praesident und der Hofmarschall.


Hofmarschall (eilfertig).  Nur en passant, mein Bester!--Wie leben
Sie?  Wie befinden Sie sich?--Heute Abend ist grosse Opéra Dido--das
sueperbeste Feuerwerk--eine ganze Stadt brennt zusammen--Sie sehen sie
doch auch brennen?  Was?

Praesident.  Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das
meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt--Sie kommen erwuenscht,
lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thaetig zu helfen, die
uns Beide poussiert, oder voellig zu Grund richtet.  Setzen Sie sich.

Hofmarschall.  Machen Sie mir nicht Angst, mein Suesser.

Praesident.  Wie gesagt--poussiert, oder ganz zu Grund richtet.  Sie
wissen mein Project mit dem Major und der Lady.  Sie begreifen auch,
wie unentbehrlich es war, unser Beider Glueck zu fixieren.  Es kann
Alles zusammenfallen, Kalb.  Mein Ferdinand will nicht.

Hofmarschall.  Will nicht--will nicht--ich hab's ja in der ganzen
Stadt schon herumgesagt.  Die Mariage ist in Jedermanns Munde.

Praesident.  Sie koennen vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen.
Er liebt eine Andere.

Hofmarschall.  Sie scherzen.  Ist das auch wohl ein Hindernis?

Praesident.  Bei dem Trotzkopf das unueberwindlichste.

Hofmarschall.  Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich
stossen?  Was?

Praesident.  Fragen Sie ihn das und hoeren Sie, was er antwortet.

Hofmarschall.  Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten?

Praesident.  Dass er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle,
wodurch wir gestiegen sind--dass er unsere falschen Briefe und
Quittungen angeben--dass er uns Beide ans Messer liefern wolle--das
kann er antworten.

Hofmarschall.  Sind Sie von Sinnen?

Praesident.  Das hat er geantwortet.  Das war er schon Willens, ins
Werk zu richten--Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine hoechste
Erniedrigung abgebracht.  Was wissen Sie hierauf zu sagen?

Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht).  Mein Verstand steht still.

Praesident.  Das koennte noch hingehen.  Aber zugleich hinterbringen
mir meine Spionen, dass der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei,
um die Lady zu werben.

Hofmarschall.  Sie machen mich rasend.  Wer sagen Sie? von Bock sagen
Sie?--Wissen Sie denn auch, dass wir Todfeinde zusammen sind?  Wissen
Sie auch, warum wir es sind?

Praesident.  Das erste Wort, das ich hoere.

Hofmarschall.  Bester!  Sie werden hoeren, und aus der Haut werden Sie
fahren--Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen--es geht jetzt ins
einundzwanzigste Jahr--wissen Sie, worauf man den ersten Englischen
tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heisse Wachs von einem
Kronleuchter auf den Domino troepfelte--Ach Gott, das muessen Sie
freilich noch wissen!

Praesident.  Wer koennte so was vergessen?

Hofmarschall.  Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des
Tanzes ein Strumpfband verloren--Alles kommt, wie befreiflich ist, in
Allarm--von Bock und ich--wir waren noch Kammerjunker--wir kriechen
durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen--endlich
erblick ich's--von Bock merkt's--von Bock darauf zu, reisst es mir aus
den Haenden--ich bitte Sie!--bringt's der Prinzessin und schnappt mir
gluecklich das Compliment weg--Was denken Sie?

Praesident.  Impertinent!

Hofmarschall.  Schnappt mir das Compliment weg--Ich meine in Ohnmacht
zu sinken.  Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.--Endlich
ermann' ich mich, naehere mich Ihrer Durchlaucht und spreche:
Gnaedigste Frau! von Bock war so gluecklich, Hoechstdenenselben das
Strumpfband zu ueberreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte,
belohnt sich in der Stille und schweigt.

Praesident.  Bravo, Marschall!  Bravissimo!

Hofmarschall.  Und schweigt--Aber ich werd's dem von Bock bis zum
juengsten Gerichte noch nachtragen--der niedertraechtige, kriechende
Schmeichler!--Und das war noch nicht genug--wie wir beide zugleich
auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der
rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen
Ball.

Praesident.  Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste
Person am Hof werden wird.

Hofmarschall.  Sie stossen mir ein Messer ins Herz.  Wird? wird?
Warum wird er?  Wo ist die Nothwendigkeit?

Praesident.  Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich
meldet.

Hofmarschall.  Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den
Major zum Entschluss zu bringen?--Sei's auch noch so bizarr, so
verzweifelt!--Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt
nicht willkommen waere, den verhassten von Bock auszustechen?

Praesident.  Ich weiss nur eines, und das bei Ihnen steht.

Hofmarschall.  Bei mir steht?  Und das ist?

Praesident.  Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien.

Hofmarschall.  Zu entzweien?  Wie meinen Sie das?--Und wie mach' ich
das?

Praesident.  Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Maedchen verdaechtig
machen.

Hofmarschall.  Dass sie stehle, meinen Sie?

Praesident.  Ach nein doch!  Wie glaubte er das?--dass sie es noch mit
einem Andern habe.

Hofmarschall.  Dieser Andre?

Praesident.  Muessten Sie sein, Baron.

Hofmarschall.  Ich sein?  Ich?--Ist sie von Adel?

Praesident.  Wozu das?  Welcher Einfall!--Eines Musikanten Tochter.

Hofmarschall.  Buergerlich also?  Das wird nicht angehen.  Was?

Praesident.  Was wird nicht angehen?  Narrenspossen!  Wem unter der
Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu
fragen?

Hofmarschall.  Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann!  Und meine
Reputation bei Hofe.

Praesident.  Das ist was anders.  Verzeihen Sie.  Ich habe das noch
nicht gewusst, dass Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist,
als der von Einfluss.  Wollen wir abbrechen?

Hofmarschall.  Seien Sie klug, Baron.  Es war ja nicht so verstanden.

Praesident (frostig).  Nein--nein!  Sie haben vollkommen Recht.  Ich
bin es auch muede.  Ich lasse den Karren stehen.  Dem von Bock wuensch'
ich Glueck zum Premierminister.  Die Welt ist noch anderswo.  Ich
fordre meine Entlassung vom Herzog.

Hofmarschall.  Und ich?--Sie haben gut schwatzen, Sie!  Sie sind ein
Studierter!  Aber ich,--mon Dieu!--was bin dann ich, wenn mich Seine
Durchleucht entlassen?

Praesident.  Ein Bonmot von vorgestern.  Die Mode vom vorigen Jahr.

Hofmarschall.  Ich beschwoere Sie, Theurer, Goldner!--Ersticken Sie
diesen Gedanken!  Ich will mir ja Alles gefallen lassen.

Praesident.  Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den
Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll?

Hofmarschall.  Im Namen Gottes!  Ich will ihn hergeben.

Praesident.  Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem
Major zu Gesicht kommen muss?

Hofmarschall.  Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von
ungefaehr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern.

Praesident.  Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten?

Hofmarschall.  Mort de ma vie!  Ich will ihn schon waschen!  Ich will
dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.

Praesident.  Nun geht's nach Wunsch.  Der Brief muss noch heute
geschrieben sein.  Sie muessen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen
und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen.

Hofmarschall.  Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die
von allerhoechster Importance sind.  Verzeihen Sie also, wenn ich mich
ohne Aufschub beurlaube.  (Geht.)

Praesident (klingelt).  Ich zaehle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.

Hofmarschall (ruft zurueck).  Ah, mon Dieu!--Sie kennen mich ja.



Dritte Scene.

Der Praesident und Wurm.


Wurm.  Der Geiger und seine Frau sind gluecklich und ohne alles
Geraeusch in Verhaft gebracht.  Wollen Ew.  Excellenz jetzt den Brief
ueberlesen?

Praesident (nachdem er gelesen).  Herrlich! herrlich, Secretaer!  Auch
der Marschall hat angebissen!--Ein Gift wie das muesste die Gesundheit
selbst in eiternden Aussatz verwandeln--Nun gleich mit den
Vorschlaegen zum Vater, und dann warm zu der Tochter.  (Gehen ab zu
verschiedenen Seiten.)



Vierte Scene.

Zimmer in Millers Wohnung.

Luise und Ferdinand.


Luise.  Ich bitte dich, hoere auf.  Ich glaube an keine gluecklichen
Tage mehr.  Alle meine Hoffnungen sind gesunken.

Ferdinand.  So sind die meinigen gestiegen.  Mein Vater ist
aufgereizt; mein Vater wird alle Geschuetze gegen uns richten.  Er
wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen.  Ich stehe
nicht mehr fuer meine kindliche Pflicht.  Wuth und Verzweiflung werden
mir das schwarze Geheimniss seiner Mordthat erpressen.  Der Sohn wird
den Vater in die Haende des Henkers liefern--Es ist die hoechste
Gefahr--und die hoechste Gefahr musste da sein, wenn meine Liebe den
Riesensprung wagen sollte--Hoere, Luise--Ein Gedanke, gross und
vermessen wie meine Leidenschaft, draengt sich vor meine Seele--Du,
Luise, und ich und die Liebe!--liegt nicht in diesem Zirkel der ganze
Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?

Luise.  Brich ab.  Nichts mehr.  Ich erblasse ueber Das, was du sagen
willst.

Ferdinand.  Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn
ihren Beifall erbetteln?  Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und
Alles verloren werden kann?--Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend
funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im
baltischen Meer?  Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt.  Deine
Fusstapfe in wilden, sandigten Wuesten mir interessanter, als das
Muenster in meiner Heimath--Werden wir die Pracht der Staedte
vermissen?  Wo wir sein moegen, Luise, geht eine Sonne auf, eine
unter--Schauspiele, neben welchen der ueppigste Schwung der Kuenste
verblasst.  Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet
die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt
uns Busse, und eine andaechtige Kirche von Sternen betet mit uns.
Werden wir uns in Gespraechen der Liebe erschoepfen?--Ein Laecheln
meiner Luise ist Stoff fuer Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist
aus, bis ich diese Thraene ergruende.

Luise.  Und haettest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?

Ferdinand (sie umarmend).  Deine Ruhe ist meine heiligste.

Luise (sehr ernsthaft).  So schweig und verlass mich--Ich habe einen
Vater, der kein Vermoegen hat, als diese einzige Tochter--der morgen
sechzig wird--der der Rache des Praesidenten gewiss ist.-Ferdinand
(faellt rasch ein).  Der uns begleiten wird.  Darum keinen Einwurf
mehr, Liebe.  Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe
Summen auf meinen Vater.  Es ist erlaubt, einen Raeuber zu pluendern,
und sind seine Schaetze nicht Blutgeld des Vaterlands?--Schlag ein Uhr
um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren.  Ihr werft euch hinein.
Wir fliehen.

Luise.  Und der Fluch deines Vaters uns nach?--ein Fluch,
Unbesonnener, den auch Moerder nie ohne Erhoerung aussprechen, den die
Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade haelt, der uns
Fluechtlinge unbarmherzig wie ein Gespenst von Meer zu Meer jagen
wuerde?--Nein, mein Geliebter!  Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten
kann, so hab' ich noch Staerke, dich zu verlieren.

Ferdinand (steht still und murmelt duester).  Wirklich?

Luise.  Verlieren!--O, ohne Grenzen entsetzlich ist der
Gedanke--graesslich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren und
die gluehende Wange der Freude zu bleichen--Ferdinand! dich zu
verlieren!  Doch, man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein
Herz gehoert deinem Stande--Mein Anspruch war Kirchenraub, und
schaudernd geb' ich ihn auf.

Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend).  Gibst
du ihn auf.

Luise.  Nein!  Sieh mich an, lieber Walter.  Nicht so bitter die
Zaehne geknirscht.  Komm!  Lass mich jetzt deinen sterbenden Muth durch
mein Beispiel beleben.  Lass mich die Heldin dieses Augenblicks
sein--einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken--einem Buendniss
entsagen, das die Fugen der Buergerwelt auseinander treiben und die
allgemeine ewige Ordnung zu Grund stuerzen wuerde--Ich bin die
Verbrecherin--mit frechen, thoerigten Wuenschen hat sich mein Busen
getragen--mein Unglueck ist meine Strafe, so lass mir doch jetzt die
suesse, schmeichelnde Taeuschung, dass es mein Opfer war--Wirst du mir
diese Wollust missgoennen?

Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und
auf derselben zu spielen versucht--Jetzt zerreisst er die Saiten,
zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes
Gelaechter aus).

Luise.  Walter!  Gott im Himmel!  Was soll das?--Ermanne dich!
--Fassung verlangt diese Stunde--es ist eine trennende.  Du hast ein
Herz, lieber Walter.  Ich kenne es.--Warm wie das Leben ist deine
Liebe, und ohne Schranken wie das Unermessliche--Schenke sie einer
Edeln und Wuerdigern--sie wird die Gluecklichste ihres Geschlechts
nicht beneiden--(Thraenen unterdrueckend.)  Mich sollst du nicht mehr
sehn--Das eitle betrogene Maedchen verweine seinen Gram in einsamen
Mauern, um seine Thraenen wird sich Niemand bekuemmern--Leer und
erstorben ist meine Zukunft--Doch werd' ich noch je und je am
verwelkten Strauss der Vergangenheit riechen.  (Indem sie ihm mit
abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.)  Leben Sie wohl, Herr
von Walter.

Ferdinand (springt aus seiner Betaeubung auf).  Ich entfliehe, Luise.
Willst du mir wirklich nicht folgen?

Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und haelt das
Gesicht mit beiden Haenden bedeckt).  Meine Pflicht heisst mich bleiben
und dulden.

Ferdinand.  Schlange, du luegst.  Dich fesselt was anders hier.

Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens).  Bleiben Sie bei
dieser Vermuthung--sie macht vielleicht weniger elend.

Ferdinand.  Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!--Und mich soll das
Maerchen blenden?  Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh ueber dich und
ihn, wenn mein Verdacht sich bestaetigt.  (Geht schnell ab.)



Fuenfte Scene.

Luise allein.--(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und
stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwaerts und
sieht furchtsam herum.)


Wo meine Eltern bleiben?--Mein Vater versprach, in wenigen Minuten
zurueck zu sein, und schon sind fuenf volle fuerchterliche Stunden
vorueber--Wenn ihm ein Unfall--wie wird mir?--Warum geht mein Odem so
aengstlich?

(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen,
ohne von ihr bemerkt zu werden.)

Es ist nichts Wirkliches--Es ist nichts als das schaudernde
Gaukelspiel des erhitzten Geblueths--Hat unsre Seele nur einmal
Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel
Gespenster sehn.



Sechste Scene.

Luise und Secretaer Wurm.


Wurm (kommt naeher).  Guten Abend, Jungfer.

Luise.  Gott!  Wer spricht da?  (Sie dreht sich um, wird den Secretaer
gewahr und tritt erschrocken zurueck.)  Schrecklich!  Schrecklich!
Meiner aengstlichen Ahnung eilt schon die unglueckseligste Erfuellung
nach.  (Zum Secretaer mit einem Blick voll Verachtung.)  Suchen Sie
etwa den Praesidenten?  Er ist nicht mehr da.

Wurm.  Jungfer, ich suche Sie.

Luise.  So muss ich mich wundern, dass Sie nicht nach dem Marktplatz
gingen.

Wurm.  Warum eben dahin?

Luise.  Ihre Braut von der Schaubuehne abzuholen.

Wurm.  Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise
(unterdrueckt eine Antwort).  Was steht Ihnen zu Diensten?

Wurm.  Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.

Luise (bestuerzt).  Von meinem Vater?--Wieder ist mein Vater?

Wurm.  Wo er nicht gern ist.

Luise.  Um Gotteswillen!  Geschwind!  Mich befaellt eine ueble
Ahnung--Wo ist mein Vater?

Wurm.  Im Thurm, wenn Sie es ja wissen wollen.

Luise (mit einem Blick zum Himmel).  Das noch!  Das auch noch!--Im
Thurm?  Und warum im Thurm?

Wurm.  Auf Befehl des Herzogs.

Luise.  Des Herzogs?

Wurm.  Der die Verletzung der Majestaet in der Person seines
Stellvertreters-Luise.  Was? was?  O ewige Allmacht!

Wurm.  Auffallend zu ahnden beschlossen hat.

Luise.  Das war noch uebrig!  Das!--Freilich, freilich, mein Herz
hatte noch ausser dem Major etwas Theures--das durfte nicht uebergangen
werden--Verletzung der Majestaet--Himmlische Vorsicht!  Rette! o rette
meinen sinkenden Glauben!--Und Ferdinand?

Wurm.  Waehlt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung.

Luise.  Entsetzliche Freiheit!--Und doch--doch ist er gluecklicher.
Er hat keinen Vater zu verlieren.  Zwar keinen haben, ist Verdammniss
genug!--Mein Vater auf Verletzung der Majestaet--mein Geliebter die
Lady oder Fluch und Enterbung--Wahrlich bewundernswerth!  Eine
vollkommene Bueberei ist auch eine Vollkommenheit--Vollkommenheit?
Nein! dazu fehlt noch etwas--Wo ist meine Mutter?

Wurm.  Im Spinnhaus.

Luise (mit schmerzvollem Laecheln).  Jetzt ist es voellig!--Voellig, und
jetzt waer' ich ja frei--Abgeschaelt von allen Pflichten--und
Thraenen--und Freuden.  Abgeschaelt von der Vorsicht.  Ich brauch' sie
ja nicht mehr--(Schreckliches Stillschweigen.)  Haben Sie vielleicht
noch eine Zeitung?  Reden Sie immerhin.  Jetzt kann ich Alles hoeren.

Wurm.  Was geschehen ist, wissen Sie.

Luise.  Also nicht, was noch kommen wird?  (Wiederum Pause, worin sie
den Secretaer von oben bis unten ansieht.)  Armer Mensch! du treibst
ein trauriges Handwerk, wobei du unmoeglich selig werden kannst.
Unglueckliche machen, ist schon schrecklich genug, aber graesslich ist's,
es ihnen verkuendigen--ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn,
wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert
und Christen an Gott zweifeln--Der Himmel bewahre mich!  Und wuerde
dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds
aufgewogen--ich moechte nicht du sein--Was kann noch geschehen?

Wurm.  Ich weiss nicht.

Luise.  Sie wollen nicht wissen?--Diese lichtscheue Bothschaft
fuerchtet das Geraeusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres
Gesichts zeigt sich mir das Gespenst--Was ist noch uebrig?--Sie sagten
vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden?  Was nennen Sie
auffallend?

Wurm.  Fragen Sie nichts mehr.

Luise.  Hoere, Mensch!  Du gingst beim Henker zur Schule.  Wie
verstuendest du sonst, das Eisen erst langsam bedaechtlich an den
knirschenden Gelenken hinaufzufuehren und das zuckende Herz mit dem
Streich der Erbarmung zu necken?--Welches Schicksal wartet auf meinen
Vater?  Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen,
was du an dich haeltst?  Sprich es aus.  Lass mich sie auf einmal
haben, die ganze zermalmende Ladung.  Was wartet auf meinen Vater?

Wurm.  Ein Criminal-Process.

Luise.  Was ist aber das?--Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding,
verstehe mich wenig auf eure fuerchterlichen lateinischen Woerter.
Was heisst Criminal-Process?

Wurm.  Gericht um Leben und Tod.

Luise (standhaft).  So dank' ich Ihnen!  (Sie eilt schnell in ein
Seitenzimmer.)

Wurm (steht betroffen da).  Wo will das hinaus!  Sollte die Naerrin
etwa?--Teufel!  Sie wird doch nicht--Ich eile nach--ich muss fuer ihr
Leben buergen.  (Im Begriff, ihr zu folgen.)

Luise (kommt zurueck, einen Mantel umgeworfen).  Verzeihen Sie,
Secretaer.  Ich schliesse das Zimmer.

Wurm.  Und wohin denn so eilig?

Luise.  Zum Herzog.  (Will fort.)

Wurm.  Was?  Wo hin?  (Er haelt sie erschrocken zurueck.)

Luise.  Zum Herzog.  Hoeren Sie nicht?  Zu eben dem Herzog, der meinen
Vater auf Tod und Leben will richten lassen--Nein! nicht will--muss
richten lassen, weil einige Boeswichter wollen; der zu dem ganzen
Process der beleidigten Majestaet nichts hergibt, als eine Majestaet und
seine fuerstliche Handschrift.

Wurm (lacht ueberlaut).  Zum Herzog!

Luise.  Ich weiss, worueber Sie lachen--aber ich will ja auch kein
Erbarmen dort finden--Gott bewahre mich! nur Ekel--Ekel nur an meinem
Geschrei.  Man hat mir gesagt, dass die Grossen der Welt noch nicht
belehrt sind, was Elend ist--nicht wollen belehrt sein.  Ich will ihm
sagen, was Elend ist--will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des
Todes, was Elend ist--will es ihm vorheulen in Mark und Bein
zermalmenden Toenen, was Elend ist--und wenn ihm jetzt ueber der
Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schluss
in die Ohren schrei'n, dass in der Sterbestunde auch die Lungen der
Erdengoetter zu roecheln anfangen und das juengste Gericht Majestaeten
und Bettler in dem naemlichen Siebe ruettelt.  (Sie will gehen.)

Wurm (boshaft freundlich).  Gehen Sie, o gehen Sie ja.  Sie koennen
wahrlich nichts Kluegeres thun.  Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und
ich gebe Ihnen mein Wort, dass der Herzog willfahren wird.

Luise (steht ploetzlich still).  Wie sagen Sie?--Sie rathen mir selbst
dazu?  (Kommt schnell zurueck.)  Hm!  Was will ich denn?  Etwas
Abscheuliches muss es sein, weil dieser Mensch dazu rathet--Woher
wissen Sie, dass der Fuerst mir willfahren wird?

Wurm.  Weil er es nicht wird umsonst thun duerfen.

Luise.  Nicht umsonst?  Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit
setzen?

Wurm.  Die schoene Supplicantin ist Preises genug.

Luise (bleibt erstarrt stehen, dann mit brechendem Laut).
Allgerechter!

Wurm.  Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese
gnaedige Taxe nicht ueberfordert finden?

Luise (auf und ab, ausser Fassung).  Ja! ja!  Es ist wahr!  Sie sind
verschanzt, eure Grossen--verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre
eigenen Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim--Helfe dir der
Allmaechtige, Vater!  Deine Tochter kann fuer dich sterben, aber nicht
suendigen.

Wurm.  Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein, dem armen verlassenen
Mann--"Meine Luise," sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen.
Meine Luise wird mich auch aufrichten."--Ich eile, Mamsell, ihm die
Antwort zu bringen.  (Stellt sich, als ob er ginge.)

Luise (eilt ihm nach, haelt ihn zurueck).  Bleiben Sie! bleiben Sie!
Geduld!  Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu
machen!--Ich hab' ihn niedergeworfen.  Ich muss ihn aufrichten.  Reden
Sie!  Rathen Sie!  Was kann ich? was muss ich thun?

Wurm.  Es ist nur ein Mittel.

Luise.  Dieses einzige Mittel?

Wurm.  Auch Ihr Vater wuenscht-Luise.  Auch mein Vater?--Was ist das
fuer ein Mittel?

Wurm.  Es ist Ihnen leicht.

Luise.  Ich kenne nichts Schwereres, als die Schande.

Wurm.  Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen.

Luise.  Von seiner Liebe?  Spotten Sie meiner?--Das meiner Willkuer zu
ueberlassen, wozu ich gezwungen ward?

Wurm.  So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer.  Der Major muss zuerst
und freiwillig zuruecktreten.

Luise.  Er wird nicht.

Wurm.  So scheint es.  Wuerde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen
nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen koennten?

Luise.  Kann ich ihn zwingen, dass er mich hassen muss?

Wurm.  Wir wollen versuchen.  Setzen Sie sich.

Luise (betreten).  Mensch!  Was bruetest du?

Wurm.  Setzen Sie sich.  Schreiben Sie!  Hier ist Feder, Papier und
Dinte.

Luise (setzt sich in hoechster Beunruhigung).  Was soll ich schreiben?
An wen soll ich schreiben?

Wurm.  An den Henker Ihres Vaters.

Luise.  Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu
schrauben.  (Ergreift die Feder.)

Wurm (dictiert). "Gnaediger Herr"-Luise (schreibt mit zitternder Hand).

Wurm. "Schon drei unertraegliche Tage sind vorueber--sind vorueber--und
wir sahen uns nicht"

Luise (stutzt, legt die Feder weg).  An wen ist der Brief?

Wurm.  An den Henker Ihres Vaters.

Luise.  O mein Gott!

Wurm. "Halten Sie sich desswegen an den Major--an den Major--der mich
den ganzen Tag wie ein Argus huetet"

Luise (springt auf).  Bueberei, wie noch keine erhoert worden!  An wen
ist der Brief?

Wurm.  An den Henker Ihres Vaters.

Luise (die Haende ringend, auf und nieder).  Nein! nein! nein! das ist
tyrannisch, o Himmel!  Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich
reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen?  Warum
zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen?  Warum diesen
blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen?--Macht, was ihr wollt.
Ich schreibe das nimmermehr.

Wurm (greift nach dem Hut).  Wie Sie wollen, Mademoiselle!  Das steht
ganz in Ihrem Belieben.

Luise.  Belieben, sagen Sie?  In meinem Belieben?--Geh, Barbar!
Haenge einen Ungluecklichen ueber dem Abgrund der Hoelle aus, bitt' ihn
um etwas, und laestre Gott, und frag' ihn, ob es ihm beliebe?--O du
weisst allzu gut, dass unser Herz an natuerlichen Trieben so fest als an
Ketten liegt--Nunmehr ist Alles gleich.  Dictieren Sie weiter!  Ich
denke nichts mehr.  Ich weiche der ueberlistenden Hoelle.  (Sie setzt
sich zum zweitenmal.)

Wurm. "Den ganzen Tag wie ein Argus huetet"--Haben Sie das?

Luise.  Weiter! weiter!

Wurm. "Wir haben gestern den Praesidenten im Haus gehabt.  Es war
possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich
wehrte"-Luise.  O schoen, schoen! o herrlich!--Nur immer fort.

Wurm. "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht--zu einer
Ohnmacht--dass ich nicht laut lachte"

Luise.  O Himmel!

Wurm. "Aber bald wird mir meine Maske
unertraeglich--unertraeglich--Wenn ich nur loskommen koennte"-Luise
(haelt inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als
suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt
weiter). "Loskommen koennte"

Wurm. "Morgen hat er den Dienst--Passen Sie ab, wenn er von mir geht,
und kommen an den bewussten Ort"--Haben Sie "bewussten?"

Luise.  Ich habe Alles!

Wurm. "An den bewussten Ort zu Ihrer zaertlichen....  Luise"

Luise.  Nun fehlt die Adresse noch.

Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb."

Luise.  Ewige Vorsicht!  Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem
Herzen diese schaendlichen Zeilen.  (Sie steht auf und betrachtet eine
grosse Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht
sie es dem Secretaer mit erschoepfter, hinsterbender Stimme.)  Nehmen
Sie, mein Herr.  Es ist mein ehrlicher Name--es ist Ferdinand--es ist
die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Haende gebe--Ich
bin eine Bettlerin.

Wurm.  O nein doch!  Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle.  Ich
habe herzliches Mitleid mit Ihnen.  Vielleicht--wer weiss?--Ich koennte
mich noch wohl ueber gewisse Dinge hinwegsetzen--Wahrlich!  Bei Gott!
Ich habe Mitleid mit Ihnen.

Luise (blickt ihn starr und durchdringend an).  Reden Sie nicht aus,
mein Herr.  Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu
wuenschen.

Wurm (im Begriff, ihre Hand zu kuessen).  Gesetzt, es waere diese
niedliche Hand--Wie so, liebe Jungfer?

Luise (gross und schrecklich).  Weil ich dich in der Brautnacht
erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten liesse.  (Sie
will gehen, kommt aber schnell zurueck.)  Sind wir jetzt fertig, mein
Herr?  Darf die Taube nun fliegen?

Wurm.  Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer.  Die muessen mit mir und das
Sacrament darauf nehmen, diesen Brief fuer einen freiwilligen zu
erkennen.

Luise.  Gott!  Gott! und du selbst musst das Siegel geben, die Werke
der Hoelle zu verwahren?  (Wurm zieht sie fort.)




Vierter Akt.



Erste Scene.

Saal beim Praesidenten.


Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt
stuermisch durch eine Thuere, durch eine andere ein Kammerdiener.

Ferdinand.  War kein Marschall da?

Kammerdiener.  Herr Major, der Herr Praesident fragt nach Ihnen.

Ferdinand.  Alle Donner!  Ich frag', war kein Marschall da?

Kammerdiener.  Der gnaedige Herr sitzt oben am Pharotisch.

Ferdinand.  Der gnaedige Herr soll im Namen der ganzen Hoelle daher
kommen.  (Kammerdiener geht.)



Zweite Scene.

Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald
wuethend herumstuerzend.


Es ist nicht moeglich! nicht moeglich!  Diese himmlische Huelle
versteckt kein so teuflisches Herz--Und doch! doch!  Wenn alle Engel
herunter stiegen, fuer ihre Unschuld buergten--wenn Himmel und Erde,
wenn Schoepfung und Schoepfer zusammentraeten, fuer ihre Unschuld
buergten--es ist ihre Hand--Ein unerhoerter, ungeheurer Betrug, wie die
Menschheit noch keinen erlebte!--Das also war's, warum man sich so
beharrlich der Flucht widersetzt!--Darum--o Gott! jetzt erwach' ich,
jetzt enthuellt sich mir Alles!--Darum gab man seinen Anspruch auf
meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald haette selbst
mich die himmlische Schminke betrogen!

(Er stuerzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend
still.)

Mich so ganz zu ergruenden!--Jedes kuehne Gefuehl, jede leise
schuechterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung--An der
feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu
fassen--Mich zu berechnen in einer Thraene--Auf jeden gaehen Gipfel der
Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem
schwindelnden Absturz--Gott!  Gott! und alles Das nichts als
Grimasse?--Grimasse?  O, wenn die Luege eine so haltbare Farbe hat,
wie ging es zu, dass sich kein Teufel noch in das Himmelreich
hineinlog?

Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch ueberzeugender
Taeuschung erblasste die Falsche da!  Mit welch siegender Wuerde schlug
sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem
Augenblick fuehlte das Weib sich doch schuldig!--Was? hielt sie nicht
selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus--die Heuchlerin sinkt in
Ohnmacht.  Welche Sprache wirst du jetzt fuehren, Empfindung?  Auch
Koketten sinken in Ohnmacht.  Womit wirst du dich rechtfertigen,
Unschuld?--Auch Metzen sinken in Ohnmacht.

Sie weiss, was sie aus mir gemacht hat.  Sie hat meine ganze Seele
gesehen.  Mein Herz trat beim Erroethen des ersten Kusses sichtbar in
meine Augen--und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den
Triumph ihrer Kunst?--Da mein gluecklicher Wahnsinn den ganzen Himmel
in ihr zu umspannen waehnte, meine wildesten Wuensche schwiegen--vor
meinem Gemueth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das
Maedchen--Gott! da empfand sie nichts? fuehlte nichts, als ihren
Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt?  Tod und
Rache!  Nichts! als dass ich betrogen sei?



Dritte Scene.

Der Hofmarschall und Ferdinand.


Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd).  Sie haben den Wunsch blicken
lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd).  Einem Schurken
den Hals zu brechen.  (Laut.)  Marschall, dieser Brief muss Ihnen bei
der Parade aus der Tasche gefallen sein--und ich (mit boshaftem
Lachen) war zum Glueck noch der Finder.

Hofmarschall.  Sie?

Ferdinand.  Durch den lustigsten Zufall.  Machen Sie's mit der
Allmacht aus.

Hofmarschall.  Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron.

Ferdinand.  Lesen Sie!  Lesen Sie!  (Von ihm weggehend.)  Bin ich auch
schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto
besser als Kuppler an.

(Waehrend Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen
herunter.)

Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon
machen).  Verflucht!

Ferdinand (fuehrt ihn am Arm zurueck).  Geduld, lieber Marschall.  Die
Zeitungen duenken mich angenehm.  Ich will meinen Finderlohn haben.
(Hier zeigt er ihm die Pistolen.)

Hofmarschall (tritt bestuerzt zurueck).  Sie werden vernuenftig sein,
Bester.

Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme).  Mehr als zu viel, um
einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken!  (Er dringt
ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.)  Nehmen
Sie!  Dieses Schnupftuch da fassen Sie!--Ich hab's von der Buhlerin.

Hofmarschall.  Ueber dem Schnupftuch?  Rasen Sie?  Wohin denken Sie?

Ferdinand.  Fass dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl
schiessen, Memme!--Wie sie zittert, die Memme!  Du solltest Gott
danken, Memme, dass du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten
kriegst.  (Hofmarschall macht sich auf die Beine.)  Sachte! dafuer wird
gebeten sein.  (Er ueberholt ihn und riegelt die Thuer.)

Hofmarschall.  Auf dem Zimmer, Baron?

Ferdinand.  Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall
verlohnte?--Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch
wohl das erste Geraeusch, das du in der Welt machst--Schlag an!

Hofmarschall (wischt sich die Stirn).  Und Sie wollen Ihr kostbares
Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann?

Ferdinand.  Schlag an, sag' ich.  Ich habe nichts mehr in dieser Welt
zu thun.

Hofmarschall.  Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster.

Ferdinand.  Du, Bursche?  Was, du?--Der Nothnagel zu sein, wo die
Menschen sich rar machen?  In einem Augenblick siebenmal kurz und
siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel?  Ein
Register zu fuehren ueber die Stuhlgaenge deines Herrn und der Miethgaul
seines Witzes zu sein?  Eben so gut, ich fuehre dich, wie irgend ein
seltenes Murmelthier mit mir.  Wie ein zahmer Affe sollst du zum
Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit
deinen hoefischen Kuensten die ewige Verzweiflung belustigen.

Hofmarschall.  Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben--Nur die
Pistolen weg!

Ferdinand.  Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!--Dasteht dem sechsten
Schoepfungstag zum Schimpfe!  Als wenn ihn ein Tuebinger Buchhaendler
dem Allmaechtigen nachgedruckt haette!--Schade nur, ewig Schade fuer die
Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schaedel wuchert.
Diese einzige Unze haette dem Pavian noch vollends zum Menschen
geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht--Und mit
Diesem ihr Herz zu theilen?--Ungeheuer!  Unverantwortlich!--Einem
Kerl, mehr gemacht, von Suenden zu entwoehnen, als dazu anzureizen.

Hofmarschall.  O!  Gott sei ewig Dank!  Er wird witzig.

Ferdinand.  Ich will ihn gelten lassen.  Die Toleranz, die der
Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen.  Man begegnet
ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge
Wirthschaft des Himmels, der auch mit Traebern und Bodensatz noch
Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Hoefling
im Schlamme der Majestaeten den Tisch deckt--Zuletzt erstaunt man
noch ueber die grosse Polizei der Vorsicht, die auch in der
Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des
Gifts besoldet--Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine
Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es
(den Marschall fassend und unsanft herumschuettelnd) so, und so,
und wieder so durcheinander quetschen.

Hofmarschall (fuer sich hinseufzend).  O mein Gott!  Wer hier weg waere!
Hundert Meilen von hier, im Bicêtre zu Paris, nur bei Diesem nicht!

Ferdinand.  Bube!  Wenn sie nicht rein mehr ist?  Bube! wenn du
genossest, wo ich anbetete? (wuethender) Schwelgtest, wo ich einen
Gott mich fuehlte.  (Ploetzlich schweigt er, darauf fuerchterlich.)  Dir
waere besser, Bube, du floehest der Hoelle zu, als dass dir mein Zorn im
Himmel begegnete!--Wie weit kamst du mit dem Maedchen?  Bekenne!

Hofmarschall.  Lassen Sie mich los.  Ich will Alles verrathen.

Ferdinand.  O! es muss reizender sein, mit diesem Maedchen zu buhlen,
als mit andern noch so himmlisch zu schwaermen--Wollte sie
ausschweifen, wollte sie, sie koennte den Werth der Seele
herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verfaelschen.  (Dem
Marschall die Pistole aufs Herz drueckend.)  Wie weit kamst du mit ihr?
Ich druecke ab, oder bekenne!

Hofmarschall.  Es ist nichts--ist ja Alles nichts.  Haben Sie nur
eine Minute Geduld.  Sie sind ja betrogen.

Ferdinand.  Und daran mahnst du mich, Boesewicht?--Wie weit kamst du
mit ihr?  Du bist des Todes, oder bekenne!

Hofmarschall.  Mon Dieu!  Mein Gott!  Ich spreche ja--so hoeren Sie
doch nur--Ihr Vater--Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand
(grimmiger).  Hat seine Tochter an dich verkuppelt?  Und wie weit
kamst du mit ihr?  Ich ermorde dich, oder bekenne!

Hofmarschall.  Sie rasen.  Sie hoeren nicht.  Ich sah sie nie.  Ich
kenne sie nicht.  Ich weiss gar nichts von ihr.

Ferdinand (zuruecktretend).  Du sahst sie nie?  Kennst sie nicht?
Weisst gar nichts von ihr?--Die Miller ist ist verloren um
deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?--Fort,
schlechter Kerl!  (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und
stoesst ihn aus dem Zimmer.)  Fuer deines Gleichen ist kein Pulver
erfunden!



Vierte Scene.

Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Zuege einen
schrecklichen Gedanken entwickeln.


Verloren! ja, Unglueckselige!--Ich bin es.  Du bist es auch.  Ja, bei
dem grossen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch!  Richter der
Welt!  Fordre sie mir nicht ab!  Das Maedchen ist mein.  Ich trat dir
deine ganze Welt fuer das Maedchen ab, habe Verzicht gethan auf deine
ganze herrliche Schoepfung.  Lass mir das Maedchen.--Richter der Welt!
dort winseln Millionen Seelen nach dir--dorthin kehre das Auge deines
Erbarmens--mich lass allein machen, Richter der Welt!  (Indem er
schrecklich die Haende faltet.)  Sollte der reiche, vermoegende Schoepfer
mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner
Schoepfung ist?--Das Maedchen ist mein!  Ich einst ihr Gott, jetzt ihr
Teufel!

(Die Augen grass in einen Winkel geworfen.)

Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammniss geflochten--Augen in
Augen wurzelnd--Haare zu Berge stehend gegen Haare--auch unser hohles
Wimmern in eins geschmolzen--und jetzt zu wiederholen meine
Zaertlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwuere--Gott!  Gott!
die Vermaehlung ist fuerchterlich--aber ewig!  (Er will schnell hinaus.
Der Praesident tritt herein.)



Fuenfte Scene.

Der Praesident und Ferdinand.


Ferdinand (zuruecktretend).  O!--mein Vater!

Praesident.  Sehr gut, dass wir uns finden, mein Sohn.  Ich komme, dir
etwas Angenehmes zu verkuendigen, und etwas, lieber Sohn, das dich
ganz gewiss ueberraschen wird.  Wollen wir uns setzen?

Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an).  Mein Vater!  (Mit
staerkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.)  Mein Vater!
(Seine Hand kuessend, vor ihm niederfallend.)  O mein Vater!

Praesident.  Was ist dir, mein Sohn?  Steh auf.  Deine Hand brennt und
zittert.

Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung).  Verzeihung fuer meinen
Undank, mein Vater!  Ich bin ein verworfener Mensch.  Ich habe Ihre
Guete misskannt!  Sie meinten es mit mir so vaeterlich!--O!  Sie hatten
eine weissagende Seele--jetzt ist's zu spaet--Verzeihung!  Verzeihung!
Ihren Segen, mein Vater!

Praesident (heuchelt eine schuldlose Miene).  Steh auf, mein Sohn!
Besinne dich, dass du mir Raethsel sprichst.

Ferdinand.  Diese Millerin, mein Vater--O, Sie kennen den
Menschen--Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so vaeterlich
warm--nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges--diese Millerin!

Praesident.  Martre mich nicht, mein Sohn.  Ich verfluche meine Haerte!
Ich bin gekommen, dir abzubitten.

Ferdinand.  Abbitten an mir!  Verfluchen an mir!--Ihre Missbilligung
war Weisheit.  Ihre Haerte war himmlisches Mitleid--Diese Millerin,
Vater-Praesident.  Ist ein edles, ein liebes Maedchen.--Ich widerrufe
meinen uebereilten Verdacht.  Sie hat meine Achtung erworben.

Ferdinand (springt erschuettert auf).  Was? auch Sie?--Vater! auch
Sie?--und nicht wahr, mein Vater, ein Geschoepf wie die Unschuld?--Und
es ist so menschlich, dieses Maedchen zu lieben?

Praesident.  Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben.

Ferdinand.  Unerhoert!  Ungeheuer!--Und Sie schauen ja doch sonst die
Herzen so durch!  Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses!
--Heuchelei ohne Beispiel--Diese Millerin, Vater-Praesident.  Ist es
werth, meine Tochter zu sein.  Ich rechne ihre Tugend fuer Ahnen und
ihre Schoenheit fuer Gold.  Meine Grundsaetze weichen deiner Liebe--Sie
sei dein!

Ferdinand (stuerzt fuerchterlich aus dem Zimmer).  Das fehlte noch!
--Leben Sie wohl, mein Vater.  (Ab.)

Praesident (ihm nachgehend).  Bleib!  Bleib!  Wohin stuermst du?  (Ab.)



Sechste Scene.

Ein praechtiger Saal bei der Lady.

Lady und Sophie treten herein.


Lady.  Also sahst du sie?  Wird sie kommen?

Sophie.  Diesen Augenblick.  Sie war noch im Hausgewand und wollte
sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden.

Lady.  Sage mir nichts von ihr--Stille--wie eine Verbrecherin zittre
ich, die Glueckliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich
harmonisch fuehlt--Und wie nahm sie sich bei der Einladung?

Sophie.  Sie schien bestuerzt, wurde nachdenkend, sah mich mit grossen
Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausfluechte
vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz ueberraschte, zur
Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten
wollte.

Lady (sehr unruhig).  Lass mich, Sophie.  Beklage mich.  Ich muss
erroethen, wenn sie nur das gewoehnliche Weib ist, und wenn sie mehr
ist, verzagen.

Sophie.  Aber, Milady--das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu
empfangen.  Erinnern Sie sich, wer Sie sind.  Rufen Sie Ihre Geburt,
Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe.  Ein stolzeres Herz muss die stolze
Pracht Ihres Anblicks erheben.

Lady (zerstreut).  Was schwatzt die Naerrin da?

Sophie (boshaft).  Oder ist es vielleicht Zufall, dass eben heute die
kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen?  Zufall, dass eben heute der
reichste Stoff Sie bekleiden muss--dass Ihre Antichambre von Heiducken
und Pagen wimmelt und das Buergermaedchen im fuerstlichen Saal Ihres
Palastes erwartet wird?

Lady (auf und ab voll Erbitterung).  Verwuenscht!  Unertraeglich!  Dass
Weiber fuer Weiberschwaechen solche Luchsaugen haben!--Aber wie tief,
wie tief muss ich schon gesunken sein, dass eine solche Creatur mich
ergruendet!

Ein Kammerdiener (tritt auf).  Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien).
Hinweg, du!  Entferne dich!  (Drohend, da diese noch zaudert.)  Hinweg!
Ich befehl' es!  (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den
Saal.)  Gut!  Recht gut, dass ich in Wallung kam!  Ich bin, wie ich
wuenschte!  (Zum Kammerdiener.)  Die Mamsell mag hereintreten.
(Kammerdiener geht.  Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine
vornehm-nachlaessige Lage an.)



Siebente Scene.

Luise Millerin tritt schuechtern herein und bleibt in einer grossen
Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Ruecken zugewandt und
betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenueber stehenden
Spiegel.  (Nach einer Pause.)


Luise.  Gnaedige Frau, ich erwarte Ihre Befehle.

Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe,
fremd und zurueckgezogen).  Aha!  Ist Sie hier?--Ohne Zweifel die
Mamsell--eine gewisse--wie nennt man Sie doch?

Luise (etwas empfindlich).  Miller nennt sich mein Vater, und Ihro
Gnaden schickten nach seiner Tochter.

Lady.  Recht!  Recht! ich entsinne mich--die arme Geigerstochter,
wovon neulich die Rede war.  (Nach einer Pause vor sich.)  Seht
interessant, und doch keine Schoenheit--(Laut zu Luisen.)  Treten Sie
naeher, mein Kind.  (Wieder vor sich.)  Augen, die sich im Weinen
uebten--Wie lieb' ich sie, diese Augen!  (Wiederum laut.)  Nur
naeher--Nur ganz nah--Gutes Kind, ich glaube, du fuerchtest mich?

Luise (gross, mit entschiedenem Ton).  Nein, Milady.  Ich verachte das
Urtheil der Menge.

Lady (vor sich).  Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm.
(Laut.)  Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell.  Sie soll was gelernt
haben und sonst auch zu leben wissen--Nun ja.  Ich will's
glauben--auch naehm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen
Fuersprecher Luegen zu strafen.

Luise.  Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Muehe gaebe, mir eine
Patronin zu suchen.

Lady (geschraubt).  Muehe um die Clientin oder Patronin?

Luise.  Das ist mir zu hoch, gnaedige Frau.

Lady.  Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen laesst!
Luise nennt sie sich?  Und wie jung, wenn man fragen darf?

Luise.  Sechzehn gewesen.

Lady (steht rasch auf).  Nun ist's heraus!  Sechzehn Jahre!  Der
erste Puls dieser Leidenschaft!--Auf dem unberuehrten Clavier der
erste einweihende Silberton--Nichts ist verfuehrender--Setz dich, ich
bin dir gut, liebes Maedchen--Und auch er liebt zum ersten Mal--Was
Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden?  (Sehr
freundlich und ihre Hand ergreifend.)  Es bleibt dabei, ich will dein
Glueck machen, Liebe--Nichts, nichts als die suesse, fruehe verfliegende
Traeumerei.  (Luisen auf die Wange klopfend.)  Meine Sophie heirathet.
Du sollst ihre Stelle haben--Sechzehn Jahr!  Es kann nicht von Dauer
sein.

Luise (kuesst ihr ehrerbietig die Hand).  Ich danke fuer diese Gnade,
Milady, als wenn ich sie annehmen duerfte.

Lady (in Entruestung zurueckfallend).  Man sehe die grosse Dame!--Sonst
wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch gluecklich, wenn sie
Herrschaften finden--Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare?  Sind
diese Finger zur Arbeit zu niedlich?  Ist es Ihr Bischen Gesicht,
worauf Sie so trotzig thut?

Luise.  Mein Gesicht, gnaedige Frau, gehoert mir so wenig, als meine
Herkunft.

Lady.  Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende
nehmen?--Armes Geschoepf, wer dir das in den Kopf setzte--mag er sein,
wer er will--er hat euch Beide zum Besten gehabt.  Diese Wangen sind
nicht im Feuer vergoldet.  Was dir dein Spiegel fuer massiv und ewig
verkauft, ist nur ein duenner, angeflogener Goldschaum, der deinem
Anbeter ueber kurz oder lang in der Hand bleiben muss--Was werden wir
dann machen?

Luise.  Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil
er in Gold schien gefasst zu sein.

Lady (ohne darauf achten zu wollen).  Ein Maedchen von Ihren
Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren
Bewunderer--die gefaellige Geschmeidigkeit des letztern macht die
rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut.  Der eine ruegt eine
haessliche Blatternarbe.  Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein
Gruebchen der Grazien.  Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch
dieser gesagt hat, huepft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die
Aussagen beider verwechselt--Warum begaffen Sie mich so?

Luise.  Verzeihen Sie, gnaedige Frau--Ich war so eben im Begriff,
diesen praechtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen muss,
dass seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert.

Lady (erroethend).  Keinen Seitensprung, Lose!--Wenn es nicht die
Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt koennte Sie abhalten,
einen Stand zu erwaehlen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und
Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer buergerlichen
Vorurtheile entledigen kann?

Luise.  Auch meiner buergerlichen Unschuld, Milady?

Lady.  Laeppischer Einwurf!  Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt,
uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst
ermunternd entgegen gehn.  Zeige Sie, wer Sie ist.  Gebe Sie sich
Ehre und Wuerde, und ich sage Ihrer Jugend fuer alle Versuchung gut.

Luise.  Erlauben Sie, gnaedige Frau, dass ich mich unterstehe, daran zu
zweifeln.  Die Palaeste gewisser Damen sind oft die Freistaetten der
frechsten Ergoetzlichkeit.  Wer sollte der Tochter des armen Geigers
den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu
werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern?  Wer sollte
sich traeumen lassen, dass Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen
Skorpion halte, dass sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben,
jeden Augenblick schamroth zu werden?--Ich bin offenherzig, gnaedige
Frau--Wuerde Sie mein Anblick ergoetzen, wenn Sie einem Vergnuegen
entgegen gingen?  Wuerden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurueckkaemen?--O
besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen--Sie lassen
Meere zwischen uns fliessen!--Sehen Sie sich wohl fuer, Milady--Stunden
der Nuechternheit, Augenblicke der Erschoepfung koennten sich
melden--Schlangen der Reue koennten Ihren Busen anfallen, und
nun--welche Folter fuer Sie, im Gesicht Ihres Dienstmaedchens die
heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen
pflegt.  (Sie tritt einen Schritt zurueck.)  Noch einmal, gnaedige Frau.
Ich bitte sehr um Vergebung.

Lady (in grosser innrer Bewegung herumgehend).  Unertraeglich, dass sie
mir das sagt!  Unertraeglicher, dass sie Recht hat!  (Zu Luisen tretend
und ihr starr in die Augen sehend.)  Maedchen, du wirst mich nicht
ueberlisten.  So warm sprechen Meinungen nicht.  Hinter diesen Maximen
lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders
abscheulich malt--das dein Gespraech so erhitzte--das ich (drohend)
entdecken muss.

Luise (gelassen und edel).  Und wenn Sie es nun entdeckten?  Und
wenn Ihr veraechtlicher Fersenstoss den beleidigten Wurm aufweckte,
dem sein Schoepfer gegen Misshandlung noch einen Stachel gab?--Ich
fuerchte Ihre Rache nicht, Lady--Die arme Suenderin auf dem
beruechtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang.  Mein Elend ist
so hoch gestiegen, dass selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr
vergroessern kann.  (Nach einer Pause sehr ernsthaft.)  Sie wollen
mich aus dem Staub meiner Herkunft reissen.  Ich will sie nicht
zergliedern, diese verdaechtige Gnade.  Ich will nur fragen, was
Milady bewegen konnte, mich fuer die Thoerin zu halten, die ueber
ihre Herkunft erroethet?  Was sie berechtigen konnte, sich zur
Schoepferin meines Gluecks aufzuwerfen, ehe sie noch wusste, ob ich
mein Glueck auch von ihren Haenden empfangen wollte?--Ich hatte
meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen.  Ich
hatte dem Glueck seine Uebereilung vergeben--Warum mahnen Sie mich
aufs Neu an dieselbe?--Wenn selbst die Gottheit dem Blick der
Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, dass nicht ihr oberster Seraph
vor seiner Verfinsterung zurueckschaure--warum wollen Menschen so
grausam-barmherzig sein?--Wie kommt es, Milady, dass Ihr
gepriesenes Glueck das Elend so gern um Neid und Bewunderung
anbettelt?--Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so noethig zur
Folie?--O lieber! so goennen Sie mir doch eine Blindheit, die mich
allein noch mit meinem barbarischen Loos versoehnt--Fuehlt sich doch
das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als waer' es ein
Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer
erzaehlt, worin Flotten und Wallfische spielen!--Aber gluecklich
wollen Sie mich ja wissen?  (Nach einer Pause ploetzlich zur Lady
hintretend und mit Ueberraschung fragend:) Sind Sie gluecklich,
Milady?  (Diese verlaesst sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr
und haelt ihr die Hand vor den Busen.)  Hat dieses Herz auch die
lachende Gestalt Ihres Standes?  Und wenn wir jetzt Brust gegen
Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten--und wenn
ich in kindlicher Unschuld--und wenn ich auf Ihr Gewissen--und
wenn ich als meine Mutter Sie fragte--wuerden Sie mir wohl zu dem
Tausche rathen?

Lady (heftig bewegt in den Sopha sich werfend).  Unerhoert!
Unbegreiflich!  Nein, Maedchen!  Nein!  Diese Groesse hast du nicht auf
die Welt gebracht, und fuer einen Vater ist sie zu jugendlich.  Luege
mir nicht.  Ich hoere einen andern Lehrer-Luise (fein und scharf ihr
in die Augen sehend).  Es sollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie
jetzt erst auf diesen Lehrer fielen, und doch vorhin schon eine
Condition fuer mich wussten.

Lady (springt auf).  Es ist nicht auszuhalten!--Ja denn! weil ich
dir doch nicht entwischen kann.  Ich kenn' ihn--weiss Alles--weiss
mehr, als ich wissen mag.  (Ploetzlich haelt sie inne, darauf mit
einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt.)
Aber wag' es, Unglueckliche--wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder
von ihm geliebt zu werden--Was sage ich?--Wag' es, an ihn zu
denken oder einer von seinen Gedanken zu sein--Ich bin maechtig,
Unglueckliche--fuerchterlich--so wahr Gott lebt!  Du bist verloren!

Luise (standhaft).  Ohne Rettung, Milady, sobald Sie ihn zwingen, dass
er Sie lieben muss.

Lady.  Ich verstehe dich--aber er soll mich nicht lieben.  Ich will
ueber diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdruecken
und das deinige zermalmen--Felsen und Abgruende will ich zwischen euch
werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehen; mein
Name soll eure Kuesse, wie ein Gespenst Verbrecher, auseinander
scheuchen; deine junge bluehende Gestalt unter seiner Umarmung welk,
wie eine Mumie, zusammenfallen--Ich kann nicht mit ihm gluecklich
werden--aber du sollst es auch nicht werden--Wisse das, Elende!
Seligkeit zerstoeren ist auch Seligkeit.

Luise.  Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Milady.
Laestern Sie Ihr eigenes Herz nicht.  Sie sind nicht faehig, Das
auszuueben, was Sie so drohend auf mich herabschwoeren.  Sie sind nicht
faehig, ein Geschoepf zu quaelen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als
dass es empfunden hat wie Sie--Aber ich liebe Sie um dieser Wallung
willen, Milady.

Luise (die sich jetzt gefasst hat).  Wo bin ich?  Wo war ich?  Was
hab' ich merken lassen?  Wen hab' ich's merken lassen?--O Luise, edle,
grosse, goettliche Seele!  Vergib's einer Rasenden--Ich will dir kein
Haar kraenken, mein Kind.  Wuensche!  Fordre!  Ich will dich auf den
Haenden tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein--Du bist
arm--Sieh!  (Einige Brillanten herunternehmend.)  Ich will diesen
Schmuck verkaufen--meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen--Dein
sei Alles, aber entsag' ihm!

Luise (tritt zurueck voll Befremdung).  Spottet sie einer
Verzweifelnden, oder sollte sie an der barbarischen That im Ernst
keinen Antheil gehabt haben?--Ha!  So koennt' ich mir ja noch den
Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst
aufputzen.  (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie naeher
zur Lady, fasst ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.)
Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!--Freiwillig tret' ich Ihnen ab den
Mann, den man mit Haken der Hoelle von meinem blutenden Herzen riss.
--Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Milady, aber Sie haben den
Himmel zweier Liebenden geschleift, von einander gezerrt zwei Herzen,
die Gott aneinander band; zerschmettert ein Geschoepf, das ihm nahe
ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat
wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird--Lady! ins Ohr des
Allwissenden schreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms--Es
wird ihm nicht gleichgueltig sein, wenn man Seelen in seinen Haenden
mordet!  Jetzt ist er Ihnen!  Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin!
Rennen Sie in seine Arme!  Reissen Sie ihn zum Altar--Nur vergessen
Sie nicht, dass zwischen Ihren Brautkuss das Gespenst einer
Selbstmoerderin stuerzen wird--Gott wird barmherzig sein--Ich kann mir
nicht anders helfen!  (Sie stuerzt hinaus.)



Achte Scene.

Lady allein, steht erschuettert und ausser sich, den starren Blick nach
der Thuere gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich
erwacht sie aus ihrer Betaeubung.


Wie war das?  Wie geschah mir?  Was sprach die Unglueckliche?--Noch, o
Himmel! noch zerreissen sie meine Ohren, die fuerchterlichen, mich
verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!--Wen, Unglueckselige? das
Geschenk deines Sterberoechelns--das schauervolle Vermaechtniss deiner
Verzweiflung?  Gott!  Gott!  Bin ich so tief gesunken--so ploetzlich
von allen Thronen meines Stolzes herabgestuerzt, dass ich heisshungrig
erwarte, was einer Bettlerin Grossmuth aus ihrem letzten Todeskampfe
mir zuwerfen wird?--Nehmen Sie ihn hin! und das spricht sie mit einem
Tone, begleitet sie mit einem Blick--Ha!  Emilie! bist du darum ueber
die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten?  Musstest du darum um
den praechtigen Namen des grossen brittischen Weibes buhlen, dass das
prahlende Gebaeude deiner Ehre neben der hoeheren Tugend einer
verwahrlosten Buergerdirne versinken soll?--Nein, stolze Unglueckliche!
nein!--Beschaemen laesst sich Emilie Milford--doch beschimpfen nie!
Auch ich habe Kraft, zu entsagen.

(Mit majestaetischen Schritten auf und nieder.)

Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!--Fahret hin, suesse,
goldene Bilder der Liebe--Grossmuth allein sei jetzt meine
Fuehrerin!--Dieses liebende Paar ist verloren, oder Milford muss
ihren Anspruch vertilgen und im Herzen des Fuersten erloeschen!
(Nach einer Pause, lebhaft.)  Es ist geschehen!--Gehoben das
furchtbare Hinderniss--zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem
Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wuethende Liebe!--In deine
Arme werf' ich mich, Tugend!--Nimm sie auf, deine reuige Tochter
Emilie!--Ha!  wie mir so wohl ist!  Wie ich auf einmal so leicht,
so gehoben mich fuehle!--Gross, wie eine fallende Sonne, will ich
heut vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit
sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in
diese stolze Verweisung.  (Entschlossen zum Schreibpult gehend.)
Jetzt gleich muss es geschehen--jetzt auf der Stelle, ehe die Reize
des lieben Juenglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern.
(Sie setzt sich nieder und faengt an zu schreiben.)



Neunte Scene.

Lady.  Ein Kammerdiener.  Sophie, hernach der Hofmarschall, zuletzt
Bedienter.


Kammerdiener.  Hofmarschall von Kalb stehen im Vorzimmer mit einem
Auftrag vom Herzog.

Lady (in der Hitze des Schreibens.)  Auftaumeln wird sie, die
fuerstliche Drahtpuppe!  Freilich!  Der Einfall ist auch drollig genug,
so eine durchlauchtigte Hirnschale auseinander zu treiben!--Seine
Hofschranzen werden wirbeln--Das ganze Land wird in Gaehrung kommen.

Kammerdiener und Sophie.  Der Hofmarschall, Milady-Lady (dreht sich
um).  Wer?  Was?--Desto besser!  Diese Sorte von Geschoepfen ist zum
Sacktragen auf der Welt.  Er soll mir willkommen sein.

Kammerdiener (geht ab).

Sophie (aengstlich naeher kommend).  Wenn ich nicht fuerchten muesste,
Milady, es waere Vermessenheit (Lady schreibt hitzig fort.)  Die
Millerin stuerzte ausser sich durch den Vorsaal--Sie gluehen--Sie
sprechen mit sich selbst.  (Lady schreibt immer fort.)  Ich
erschrecke--Was muss geschehen sein?

Hofmarschall (tritt herein, macht dem Ruecken der Lady tausend
Verbeugungen; da sie ihn nicht bemerkt, kommt er naeher, stellt sich
hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und
drueckt einen Kuss darauf, mit furchtsamem Lispeln).  Serenissimus-Lady
(indem sie Sand streut und das Geschriebene durchfliegt).  Er wird
mir schwarzen Undank zur Last legen--Ich war eine verlassene.  Er hat
mich aus dem Elend gezogen--Aus dem Elend?--Abscheulicher Tausch!
--Zerreisse deine Rechnung, Verfuehrer!  Meine ewige Schamroethe bezahlt
sie mit Wucher.

Hofmarschall (nachdem er die Lady vergeblich von allen Seiten
umgangen hat).  Milady scheinen etwas distrait zu sein--Ich werde mir
wohl selbst die Kuehnheit erlauben muessen.  (Sehr laut.)  Serenissimus
schicken mich, Milady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde
oder deutsche Komoedie?

Lady (lachend aufstehend).  Eines von beiden, mein Engel--Unterdessen
bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert!  (Gegen Sophie.).
Du, Sophie, befiehlst, dass man anspannen soll, und rufst meine ganze
Garderobe in diesem Saal zusammen-Sophie (geht ab voll Bestuerzung).
O Himmel!  Was ahnet mir?  Was wird das noch werden?

Hofmarschall.  Sie sind echauffiert, meine Gnaedige?

Lady.  Um so weniger wird hier gelogen sein--Hurrah, Herr
Hofmarschall!  Es wird eine Stelle vacant.  Gut Wetter fuer Kuppler!
(Das der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.)
Lesen Sie, lesen Sie!--Es ist mein Wille, dass der Inhalt nicht unter
vier Augen bleibe.

Hofmarschall (liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady
im Hintergrund):


"Gnaedigster Herr!

Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr
binden.  Die Glueckseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner
Liebe.  Drei Jahre waehrte der Betrug.  Die Binde faellt mir von den
Augen.  Ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Thraenen der
Unterthanen triefen.--Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht
mehr erwiedern kann, Ihrem weinenden Lande und lernen von einer
brittischen Fuerstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk.  In einer
Stunde bin ich ueber der Grenze.

Johanna Norfolk."

Alle Bedienten (murmeln bestuerzt durcheinander).  Ueber der Grenze?

Hofmarschall (legt die Karte erschrocken auf den Tisch).  Behuete der
Himmel, meine Beste und Gnaedige!  Den Ueberbringer muesste der Hals eben
so juecken, als der Schreiberin.

Lady.  Das ist deine Sorge, du Goldmann--Leider weiss ich es, dass du
und deines Gleichen am Nachbeten Dessen, was Andre gethan haben,
erwuergen!--Mein Rath waere, man backt den Zettel in eine
Wildpretpastete, so faenden ihn Serenissimus auf dem
Teller-Hofmarschall.  Ciel!  Diese Vermessenheit!--So erwaegen Sie
doch, so bedenken Sie doch, wie sehr Sie sich in Disgrace setzen,
Lady!

Lady (wendet sich zu der versammelten Dienerschaft und spricht das
Folgende mit der innigsten Ruehrung).  Ihr steht bestuerzt, guten Leute,
erwartet angstvoll, wie sich das Raethsel entwickeln wird?--Kommt
naeher, meine Lieben!--Ihr dientet mir redlich und warm, sahet mir
oefter in die Augen, als ich die Boerse; euer Gehorsam war eure
Leidenschaft, euer Stolz--meine Gnade!--Dass das Andenken eurer Treue
zugleich das Gedaechtniss meiner Erniedrigung sein muss!  Trauriges
Schicksal, dass meine schwaerzesten Tage eure gluecklichen waren!  (Mit
Thraenen in den Augen.)  Ich entlasse euch, meine Kinder--Lady Milford
ist nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld
abzutragen--Mein Schatzmeister stuerze meine Schatulle unter
euch--Dieser Palast bleibt dem Herzog--Der Aermste von euch wird
reicher von hinnen gehen, als seine Gebieterin.  (Sie reicht ihre
Haende hin, die alle nach einander mit Leidenschaft kuessen.)  Ich
verstehe euch, meine Guten--Lebt wohl!  Lebt ewig wohl!  (Fasst sich
aus ihrer Beklemmung.)  Ich hoere den Wagen vorfahren.  (Sie reisst sich
los, will hinaus, der Hofmarschall verrennt ihr den Weg.)  Mann des
Erbarmens, stehst du noch immer da?

Hofmarschall (der diese ganze Zeit ueber mit einem Geistesbankerott
auf den Zettel sah).  Und dieses Billet soll ich Seiner
Hochfuerstlichen Durchlaucht zu Hoechsteigenen Haenden geben?

Lady.  Mann des Erbarmens! zu Hoechsteigenen Haenden, und sollst melden
zu Hoechsteigenen Ohren, weil ich nicht barfuss nach Loretto koenne, so
werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf,
ihn beherrscht zu haben.

(Sie eilt ab.  Alle Uebrigen gehen sehr bewegt auseinander.)




Fuenfter Akt.

Abend zwischen Licht im Zimmer beim Musikanten.



Erste Scene.

Luise sitzt stumm und ohne sich zu ruehren in dem finstersten Winkel
des Zimmers, den Kopf auf den Arm gesunken.  Nach einer grossen und
tiefen Pause kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet aengstlich
im Zimmer herum, ohne Luisen zu bemerken, dann legt er den Hut auf
den Tisch und setzt die Laterne nieder.


Miller.  Hier ist sie auch nicht.  Hier wieder nicht--Durch alle
Gassen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich gewesen, auf
allen Thoren hab' ich gefragt--mein Kind hat man nirgends gesehen.
(Nach einigem Stillschweigen.)  Geduld, armer, ungluecklicher Vater!
Warte ab, bis es Morgen wird.  Vielleicht kommt deine Einzige dann
ans Ufer geschwommen--Gott!  Gott!  Wenn ich mein Herz zu abgoettisch
an diese Tochter hing?--Die Strafe ist hart.  Himmlischer Vater, hart!
Ich will nicht murren, himmlischer Vater, aber die Strafe ist hart!
(Er wirft sich gramvoll in einen Stuhl.)

Luise (spricht aus dem Winkel).  Du thust recht, armer alter Mann!
Lerne bei Zeit noch verlieren.

Miller (springt auf).  Bist du da, mein Kind?  Bist du?--Aber warum
denn so einsam und ohne Licht?

Luise.  Ich bin darum doch nicht einsam.  Wenn's so recht schwarz
wird um mich herum, hab' ich meine besten Besuche.

Miller.  Gott bewahre dich!  Nur der Gewissenswurm schwaermt mit der
Eule.  Suenden und boese Geister scheuen das Licht.

Luise.  Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehilfen
redet.

Miller.  Kind!  Kind!  Was fuer Reden sind das?

Luise (steht auf und kommt vorwaerts).  Ich hab' einen harten Kampf
gekaempft.  Er weiss es, Vater.  Gott gab mir Kraft.  Der Kampf ist
entschieden.  Vater, man pflegt unser Geschlecht zart und
zerbrechlich zu nennen.  Glaub' Er das nicht mehr.  Vor einer Spinne
schuetteln wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung druecken wir
im Spass in die Arme.  Dieses zur Nachricht, Vater.  Seine Luise ist
lustig.

Miller.  Hoere, Tochter! ich wollte du heultest.  Du gefielst mir so
besser.

Luise.  Wie ich ihn ueberlisten will, Vater!  Wie ich den Tyrannen
betruegen will!--Die Liebe ist schlauer als die Bosheit und
kuehner--das hat er nicht gewusst, der Mann mit dem traurigen Stern--O,
sie sind pfiffig, so lang sie es nur mit dem Kopf zu thun haben; aber
sobald sie mit dem Herzen anbinden, werden die Boeswichter dumm--Mit
einem Eid gedachte er seinen Betrug zu versiegeln?  Eide, Vater,
binden wohl die Lebendigen, im Tode schmilzt auch der Sacramente
eisernes Band.  Ferdinand wird seine Luise kennen--Will Er mir dies
Billet besorgen, Vater?  Will Er so gut sein?

Miller.  An wen, meine Tochter?

Luise.  Seltsame Frage!  Die Unendlichkeit und mein Herz haben mit
einander nicht Raum genug fuer einen einzigen Gedanken an ihn--Wenn
haett' ich denn wohl an sonst Jemand schreiben sollen?

Miller (unruhig).  Hoere, Luise!  Ich erbrechen den Brief.

Luise.  Wie Er will, Vater--aber Er wird nicht klug daraus werden.
Die Buchstaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur dem Auge
der Liebe.

Miller (liest). "Du bist verrathen, Ferdinand!--Ein Bubenstueck ohne
Beispiel zerriss den Bund unsrer Herzen, aber ein schrecklicher Schwur
hat meine Zunge gebunden, und dein Vater hat ueberall seine Horcher
gestellt.  Doch, wenn du Muth hast, Geliebter,--ich weiss einen
dritten Ort, wo kein Eidschwur mehr bindet und wohin ihm kein Horcher
geht." (Miller haelt inne und sieht ihr ernsthaft ins Gesicht.)

Luise.  Warum sieht Er mich so an?  Les' Er doch ganz aus, Vater.

Miller. "Aber Muth genug musst du haben, eine finstre Strasse zu
wandeln, wo dir nichts leuchtet, als deine Luise und Gott--Ganz zur
Liebe musst du kommen, daheim lassen all deine Hoffnungen und all deine
brausenden Wuensche; nichts kannst du brauchen, als dein Herz.  Willst
du--so brich auf, wenn die Glocke den zwoelften Streich thut auf dem
Carmeliterthurm.  Bangt dir--so durchstreiche das Wort stark vor
deinem Geschlechte, denn ein Maedchen hat dich zu Schanden gemacht."
(Miller legt das Billet nieder, schaut lange mit einem schmerzlichen,
starren Blick vor sich hinaus, endlich kehrt er sich gegen sie und
sagt mit leiser, gebrochener Stimme.)  Und dieser dritte Ort, meine
Tochter?

Luise.  Er kennt ihn nicht?  Er kennt ihn wirklich nicht,
Vater?--Sonderbar!  Der Ort ist zum Finden gemalt.  Ferdinand wird
ihn finden.

Miller.  Hum! rede deutlicher.

Luise.  Ich weiss so eben kein liebliches Wort dafuer--Er muss nicht
erschrecken, Vater, wenn ich Ihm ein haessliches nenne.  Dieser Ort--O
warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den schoensten haette sie
diesem gegeben.  Der dritte Ort, guter Vater--aber Er muss mich
ausreden lassen--der dritte Ort ist das Grab.

Miller (zu seinem Sessel hinwankend).  O mein Gott!

Luise (geht auf ihn zu und haelt ihn).  Nicht doch, mein Vater!  Das
sind nur Schauer, die sich um das Wort herum lagern--Weg mit diesem,
und es liegt ein Brautbette da, worueber der Morgen seinen goldenen
Teppich breitet und die Fruehlinge ihre bunten Guirlanden streun.  Nur
ein heulender Suender konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein
holder, niedlicher Knabe, bluehend, wie sie den Liebesgott malen, aber
so tueckisch nicht--ein stiller, dienstbarer Genius, der der
erschoepften Pilgerin Seele den Arm bietet ueber den Graben der Zeit,
das Feenschloss der ewigen Herrlichkeit aufschliesst, freundlich nickt
und verschwindet.

Miller.  Was hast du vor, meine Tochter?--Du willst eigenmaechtig Hand
an dich legen.

Luise.  Nenn' Er es nicht so, mein Vater.  Eine Gesellschaft raeumen,
wo ich nicht wohl gelitten bin--an einen Ort vorausspringen, den ich
nicht laenger missen kann--ist denn das Suende?

Miller.  Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind--die einzige,
die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missethat
zusammenfallen.

Luise (bleibt erstarrt stehn).  Entsetzlich!--Aber so rasch wird es
doch nicht gehn.  Ich will in den Fluss springen, Vater, und im
Hinuntersinken Gott den Allmaechtigen um Erbarmen bitten.

Miller.  Das heisst, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das
Gestohlene in Sicherheit weisst--Tochter!  Tochter!  Gib Acht, dass du
Gottes nicht spottest, wenn du seiner am meisten vonnoethen hast.  O!
es ist weit, weit mit dir gekommen!--Du hast dein Gebet aufgegeben,
und der Barmherzige zog seine Hand von dir.

Luise.  Ist lieben denn Frevel, mein Vater!

Miller.  Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben--Du
hast mich tief gebeugt, meine Einzige! tief, tief, vielleicht zur
Grube gebeugt.--Doch, ich will dir dein Herz nicht noch schwerer
machen--Tochter, ich sprach vorhin etwas.  Ich glaubte allein zu sein.
Du hast mich behorcht; und warum sollt' ich's noch laenger geheim
halten?  Du warst mein Abgott.  Hoere, Luise, wenn du noch Platz fuer
das Gefuehl eines Vaters hast--Du warst mein Alles.  Jetzt verthust du
nichts mehr von deinem Eigenthum.  Auch ich hab' Alles zu verlieren.
Du siehst, mein Haar faengt an grau zu werden.  Die Zeit meldet sich
allgemach bei mir, wo uns Vaetern die Kapitale zu statten kommen, die
wir im Herzen unsrer Kinder anlegten--Wirst du mich darum betruegen,
Luise?  Wirst du dich mit dem Hab' und Gut deines Vaters auf und
davon machen?

Luise (kuesst seine Hand mit der heftigsten Ruehrung).  Nein, mein Vater.
Ich gehe als Seine grosse Schuldnerin aus der Welt und werde in der
Ewigkeit mit Wucher bezahlen.

Miller.  Gib Acht, ob du dich da nicht verrechnest, mein Kind?  (Sehr
ernst und feierlich.)  Werden wir uns dort wohl noch finden?--Sieh!
wie du blass wirst!--Meine Luise begreift es von selbst, dass ich sie
in jener Welt nicht mehr wohl einholen kann, weil ich nicht so frueh
dahin eile, wie sie.  (Luise stuerzt ihm in den Arm, von Schauern
ergriffen--Er drueckt sie mit Feuer an seine Brust und faehrt fort mit
beschwoerender Stimme.)  O Tochter!  Tochter! gefallene, vielleicht
schon verlorene Tochter!  Beherzige das ernsthafte Vaterwort!  Ich
kann nicht ueber dich wachen.  Ich kann dir die Messer nehmen, du
kannst dich mit einer Stricknadel toedten.  Vor Gift kann ich dich
bewahren, du kannst dich mit einer Schnur Perlen erwuergen.
--Luise--Luise--nur warnen kann ich dich noch--Willst du es darauf
ankommen lassen, dass dein treuloses Gaukelbild auf der schrecklichen
Bruecke zwischen Zeit und Ewigkeit von dir weiche?  Willst du dich vor
des Allwissenden Thron mit der Luege wagen: Deinetwegen, Schoepfer, bin
ich da--wenn deine strafbaren Augen ihre sterbliche Puppe
suchen?--Und wenn dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt
Wurm wie du, zu den Fuessen deines Richters sich windet, deine gottlose
Zuversicht in diesem schwankenden Augenblick Luegen straft und deine
betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende
fuer sich selbst kaum erflehen kann--wie dann?  (Nachdruecklicher,
lauter.)  Wie dann, Unglueckselige?  (Er haelt sie fester, blickt sie
eine Weile starr und durchdringend an, dann verlaesst er sie schnell.)
Jetzt weiss ich nichts mehr--(mit aufgehobener Rechte) stehe dir, Gott
Richter! fuer diese Seele nicht mehr.  Thu, was du willst.  Bring
deinem schlanken Juengling ein Opfer, dass deine Teufel jauchzen und
deine guten Engel zuruecktreten--Zieh hin!  Lade alle deine Suenden auf,
lade auch diese, die letzte, die entsetzlichste auf, und wenn die
Last noch zu leicht ist, so mache mein Fluch das Gewicht
vollkommen--Hier ist ein Messer--durchstich dein Herz und (indem er
lautweinend fortstuerzen will) das Vaterherz!

Luise (springt auf und eilt ihm nach).  Halt! halt!  O mein Vater!
--dass die Zaertlichkeit noch barbarischer zwingt, als Tyrannenwuth!
--Was soll ich?  Ich kann nicht!  Was muss ich thun?

Miller.  Wenn die Kuesse deines Majors heisser brennen als die Thraenen
deines Vaters--stirb!

Luise (nach einem qualvollen Kampf mit einiger Festigkeit).  Vater!
Hier ist meine Hand!  Ich will--Gott!  Gott!  Was thu' ich? was will
ich?--Vater, ich schwoere--wehe mir, wehe!  Verbrecherin, wohin ich
mich neige!--Vater, es sei!--Ferdinand--Gott sieht herab!--So
zernicht' ich sein letztes Gedaechtniss.  (Sie zerreisst ihren Brief.)

Miller (stuerzt ihr freudetrunken an den Hals).  Das ist meine Tochter!
--Blick' auf! um einen Liebhaber bist du leichter, dafuer hast du
einen gluecklichen Vater gemacht.  (Unter Lachen und Weinen sie
umarmend.)  Kind!  Kind! das ich den Tag meines Lebens nicht werth war!
Gott weiss, wie ich schlechter Mann zu diesem Engel gekommen bin!
--Mein Luise, mein Himmelreich!--O Gott! ich verstehe ja wenig vom
Lieben, aber dass es eine Qual sein muss, aufzuhoeren--so was begreif'
ich noch.

Luise.  Doch hinweg aus dieser Gegend, mein Vater--Weg von der Stadt,
wo meine Gespielinnen meiner spotten und mein guter Name dahin ist
auf immerdar--Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich so viele Spuren
der verlorenen Seligkeit anreden.  Weg, wenn es moeglich ist-Miller.
Wohin du nur willst, meine Tochter.  Das Brod unsers Herrgotts waechst
ueberall, und Ohren wird er auch meiner Geige bescheren.  Ja! lass auch
Alles dahingehn--Ich setze die Geschichte deines Grams auf die Laute,
singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr
Herz zerriss--wir betteln mit der Ballade von Thuere zu Thuere, und das
Almosen wird koestlich schmecken von den Haenden der Weinenden-



Zweite Scene.

Ferdinand zu den Vorigen.


Luise (wird ihn zuerst gewahr und wirft sich Millern laut schreiend
um den Hals).  Gott!  Da ist er!  Ich bin verloren.

Miller.  Wo?  Wer?

Luise (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Major und drueckt sich
fester an ihren Vater).  Er! er selbst--Seh' Er nur um sich,
Vater--Mich zu ermorden, ist er da.

Miller (erblickt ihn, faehrt zurueck.)  Was?  Sie hier, Baron?

Ferdinand (kommt langsam naeher, bleibt Luisen gegenueber stehen und
laesst den starren forschenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pause).
Ueberraschtes Gewissen, habe Dank!  Dein Bekenntniss ist schrecklich,
aber schnell und gewiss, und erspart mir die Folterung.--Guten Abend,
Miller.

Miller.  Aber um Gottes willen!  Was wollen Sie, Baron?  Was fuehrt
Sie her?  Was soll dieser Ueberfall?

Ferdinand.  Ich weiss eine Zeit, wo man den Tag in seine Secunden
zerstueckte, wo Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zoegernden
Wanduhr hing und auf den Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen
sollte--Wie kommt's, dass ich jetzt ueberrasche?

Miller.  Gehen Sie, gehen Sie, Baron--Wenn noch ein Funke von
Menschlichkeit in Ihrem Herzen zurueckblieb--wenn Sie Die nicht
erwuergen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie
keinen Augenblick laenger.  Der Segen war fort aus meiner Huette,
sobald Sie einen Fuss darein setzten.  Sie haben das Elend unter mein
Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war.  Sind Sie noch
nicht zufrieden?  Wollen Sie auch in der Wunde noch wuehlen, die Ihre
unglueckliche Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde schlug?

Ferdinand.  Wunderlicher Vater, jetzt komm' ich ja, deiner Tochter
etwas Erfreuliches zu sagen.

Miller.  Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Verzweiflung?--Geh,
Ungluecksbote!  Dein Gesicht schimpft deine Waare.

Ferdinand.  Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen!
Lady Milford, das furchtbarste Hindernis unsrer Liebe, floh diesen
Augenblick aus dem Lande.  Mein Vater billigt meine Wahl.  Das
Schicksal laesst nach, uns zu verfolgen.  Unsere gluecklichen Sterne
gehen auf--Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzuloesen und meine
Braut zum Altar abzuholen.

Miller.  Hoerst du ihn, meine Tochter?  Hoerst du ihn sein Gespoette mit
deinen getaeuschten Hoffnungen treiben?  O wahrlich, Baron! es steht
dem Verfuehrer so schoen, an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu
kitzeln.

Ferdinand.  Du glaubst, ich scherze.  Bei meiner Ehre nicht!  Meine
Aussage ist wahr, wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie
halten, wie sie ihre Eide--Ich kenne nichts Heiligeres--Noch
zweifelst du? noch kein freudiges Erroethen auf den Wangen meiner
schoenen Gemahlin?  Sonderbar! die Luege muss hier gangbare Muenze sein,
wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet.  Ihr misstraut meinen
Worten?  So glaubt diesem schriftlichen Zeugniss.  (Er wirft Luisen
den Brief an den Marschall zu.)

Luise (schlaegt ihn auseinander und sinkt leichenblass nieder).

Miller (ohne das zu bemerken, zum Major).  Was soll das bedeuten,
Baron?  Ich verstehe Sie nicht.

Ferdinand (fuehrt ihn zu Luisen hin).  Desto besser hat mich Diese
verstanden.

Miller (faellt an ihr nieder).  O Gott! meine Tochter!

Ferdinand.  Bleich wie der Tod!--Jetzt erst gefaellt sie mir, deine
Tochter!  So schoen war sie nie, die fromme, rechtschaffene
Tochter--Mit diesem Leichengesicht--Der Odem des Weltgerichts, der
den Firniss von jeder Luege streift, hat jetzt die Schminke verblasen,
womit die Tausendkuenstlerin auch die Engel des Lichts hintergangen
hat--Es ist ihr schoenstes Gesicht!  Es ist ihr erstes wahres Gesicht!
Lass mich es kuessen.  (Er will auf sie zugehen.)

Miller.  Zurueck!  Weg!  Greife nicht an das Vaterherz, Knabe!  Vor
deinen Liebkosungen konnt' ich sie nicht bewahren, aber ich kann es
vor deinen Misshandlungen.

Ferdinand.  Was willst du, Graukopf?  Mit dir hab' ich nichts zu
schaffen.  Menge dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren
ist--oder bist du auch vielleicht klueger, als ich dir zugetraut habe?
Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den Buhlschaften deiner
Tochter geborgt und dies ehrwuerdige Haar mit dem Gewerb eines
Kupplers geschaendet?--O! wenn das nicht ist, ungluecklicher alter Mann,
lege dich nieder und stirb--Noch ist es Zeit.  Noch kannst du in dem
suessen Taumel entschlafen: ich war ein gluecklicher Vater!--Einen
Augenblick spaeter, und du schleuderst die giftige Natter ihrer
hoellischen Heimath zu, verfluchst das Geschenk und den Geber und
faehrst mit der Gotteslaesterung in die Grube.  (Zu Luisen.)  Sprich,
Unglueckselige!  Schriebst du diesen Brief?

Miller (warnend zu Luisen).  Um Gottes Willen, Tochter!  Vergiss nicht!
Vergiss nicht!

Luise.  O dieser Brief, mein Vater-Ferdinand.  Dass er in die
unrechten Haende fiel?--Gepriesen sei mir der Zufall, er hat groessere
Thaten gethan, als die kluegelnde Vernunft, und wird besser bestehn an
jenem Tag, als der Witz aller Weisen--Zufall, sage ich?--O die
Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein
Teufel entlarvt werden soll?--Antwort will ich!--Schriebst du diesen
Brief?

Miller (seitwaerts zu ihr mit Beschwoerung).  Standhaft!  Standhaft,
meine Tochter!  Nur noch das einzige Ja, und Alles ist ueberwunden.

Ferdinand.  Lustig! lustig!  Auch der Vater betrogen!  Alles betrogen.
Nun sieh, wie sie dasteht, die Schaendliche, und selbst ihre Zunge
nun ihrer letzten Luege den Gehorsam aufkuendigt!  Schwoere bei Gott,
bei dem fuerchterlich wahren!  Schriebst du diesen Brief?

Luise (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem
Vater gesprochen hat, fest und entscheidend).  Ich schrieb ihn.

Ferdinand (bleibe erschrocken stehen).  Luise!--Nein!  So wahr meine
Seele lebt! du luegst--Auch die Unschuld bekennt sich auf der
Folterbank zu Freveln, die sie nie beging--Ich fragte zu
heftig--Nicht wahr, Luise--Du bekanntest nur, weil ich zu heftig
fragte?

Luise.  Ich bekannte, was wahr ist.

Ferdinand.  Nein, sag' ich! nein! nein!  Du schriebst nicht.  Es ist
deine Hand gar nicht--Und waere sie's, warum sollten Handschriften
schwerer nachzumachen sein, als Herzen zu verderben?  Rede mir wahr,
Luise--Oder nein, nein, thu' es nicht, du koenntest Ja sagen, und ich
waer' verloren--Eine Luege, Luise--ein Luege!--O wenn du jetzt eine
wuesstest, mir hinwaerfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur
mein Aug ueberredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich
taeuschtest--O Luise!  Alle Wahrheit moechte dann mit diesem Hauch aus
der Schoepfung wandern und die gute Sache ihren starren Hals von nun
an zu einem hoefischen Bueckling beugen!  (Mit scheuem bebendem Ton.)
Schriebst du diesen Brief?

Luise.  Bei Gott! bei dem fuerchterlich wahren!  Ja!

Ferdinand (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzes).
Weib!  Weib!--Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst!--Theile
mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der
Verdammniss keinen Kaeufer finden--Wusstest du, was du mir warst, Luise?
Unmoeglich!  Nein!  Du wusstest nicht, dass du mir Alles warst!  Alles!
--Es ist ein armes veraechtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Muehe, es
zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin--Alles! und so
frevelhaft damit zu spielen--O, es ist schrecklich!-Luise.  Sie haben
mein Gestaendniss, Herr von Walter.  Ich habe mich selbst verdammt.
Gehen Sie nun!  Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so ungluecklich waren.

Ferdinand.  Gut! gut!  Ich bin ja ruhig--ruhig, sagt man ja, ist auch
der schaudernde Strich Landes, worueber die Pest ging--ich bin's.
(Nach einigem Nachdenken.)  Noch eine Bitte, Luise--die letzte!  Mein
Kopf brennt so fieberisch.  Ich brauch Kuehlung--Willst du mir ein
Glas Limonade zurecht machen?  (Luise geht ab.)



Dritte Scene.

Ferdinand und Miller.

(Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pausen lang auf den
entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab).


Miller (bleibt endlich stehen und betrachtet den Major mit trauriger
Miene).  Lieber Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn
ich Ihnen gestehe, dass ich Sie herzlich bedaure!

Ferdinand.  Lass Er es gut sein, Miller.  (Wieder einige Schritte.)
Miller, ich weiss nur kaum noch, wie ich in Sein Haus kam--Was war die
Veranlassung?

Miller.  Wie, Herr Major?  Sie wollten ja Lection auf der Floete bei
mir nehmen?  Das wissen Sie nicht mehr?

Ferdinand (rasch).  Ich sah Seine Tochter!  (Wiederum einige Pausen.)
Er hat nicht Wort gehalten, Freund.  Wir accordierten Ruhe fuer meine
einsamen Stunden.  Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen.  (Da
er Millers Bewegung sieht.)  Nein, erschrick nur nicht, alter Mann.
(Geruehrt an seinem Hals.)  Du bist nicht schuldig.

Miller (die Augen wischend).  Das weiss der allwissende Gott!

Ferdinand (aufs neue hin und her, in duestres Gruebeln versunken).
Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns.  An duennen
unmerkbaren Seilen haengen oft fuerchterliche Gewichte--Wuesste der
Mensch, dass er an diesem Apfel den Tod essen sollte--Hum!--Wuesste er
das?  (Heftiger auf und nieder, dann Millers Hand mit starker
Bewegung fassend.)  Mann!  Ich bezahle dir dein Bischen Floete zu
theuer--und du gewinnst nicht einmal--auch du verlierst--verlierst
vielleicht Alles.  (Gepresst von ihm weggehend.)  Unglueckseliges
Floetenspiel, das mir nie haette einfallen sollen!

Miller (sucht seine Ruehrung zu verbergen).  Die Limonade bleibt auch
gar zu lang aussen.  Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht
fuer uebel nehmen-Ferdinand.  Es eilt nicht, lieber Miller.  (Vor sich
hinmurmelnd.)  Zumal fuer den Vater nicht--Bleib' Er nur--Was hatt' ich
doch fragen wollen?--Ja!--Ist Luise Seine einzige Tochter?  Sonst hat
Er keine Kinder mehr?

Miller (warm).  Habe sonst keins mehr, Baron--wuensch' mir auch keins
mehr.  Das Maedel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz
einzustecken--hab' meine ganze Baarschaft von Liebe an der Tochter
schon zugesetzt.

Ferdinand (heftig erschuettert).  Ha!--Seh' Er doch lieber nach dem
Trank, guter Miller.  (Miller ab.)



Vierte Scene.

Ferdinand allein.


Das einzige Kind!--Fuehlst du das, Moerder?  Das einzige!  Moerder!
hoerst du, das einzige?--Und der Mann hat auf der grossen Welt Gottes
nichts, als sein Instrument und das einzige--Du willst's ihm rauben?

Rauben?--rauben den letzten Nothpfenning einem Bettler?  Die Kruecke
zerbrochen vor die Fuesse werfen dem Lahmen?  Wie?  Hab' ich auch Brust
fuer das?--Und wenn er nun heimeilt und nicht erwarten kann, die ganze
Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter herunter zu zaehlen,
und hereintritt und sie da liegt, die Blume--welk--todt--zertreten,
muthwillig, die letzte, einzige, unueberschwaengliche Hoffnung--Ha, und
er dasteht vor ihr, und dasteht und ihm die ganze Natur den
lebendigen Odem anhaelt, und sein erstarrter Blick die entvoelkerte
Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr
finden kann und leerer zurueckkommt--Gott!  Gott!  Aber auch mein
Vater hat diesen einzigen Sohn--den einzigen Sohn, doch nicht den
einzigen Reichthum--(Nach einer Pause.)  Doch wie?  Was verliert er
denn?  Das Maedchen, dem die heiligsten Gefuehle der Liebe nur Puppen
waren, wird es den Vater gluecklich machen koennen?--Es wird nicht, es
wird nicht!  Und ich verdiene noch Dank, dass ich die Natter zertrete,
ehe sie auch noch den Vater verwundet.



Fuenfte Scene.

Miller, der zurueckkommt, und Ferdinand.


Miller.  Gleich sollen Sie bedient sein, Baron!  Draussen sitzt das
arme Ding und will sich zu Tod weinen.  Sie wird Ihnen mit der
Limonade auch Thraenen zu trinken geben.

Ferdinand.  Und wohl, wenn's nur Thraenen waeren!--Weil wir vorhin von
der Musik sprachen, Miller--(Eine Boerse ziehend.)  Ich bin noch Sein
Schuldner.

Miller.  Wie?  Was?  Gehen Sie mir, Baron!  Wofuer halten Sie mich?
Das steht ja in guter Hand, thun Sie mir doch den Schimpf nicht an,
und sind wir ja, will's Gott, nicht das letzte Mal bei einander.

Ferdinand.  Wer kann das wissen?  Nehm' Er nur.  Es ist fuer Leben und
Sterben.

Miller (lachend).  O desswegen, Baron!  Auf den Fall, denk' ich, kann
man's wagen bei Ihnen.

Ferdinand.  Man wagte wirklich--Hat Er nie gehoert, dass Juenglinge
gefallen sind--Maedchen und Juenglinge, die Kinder der Hoffnung, die
Luftschloesser betrogener Vaeter--Was Wurm und Alter nicht thun, kann
oft ein Donnerschlag ausrichten--Auch Seine Luise ist nicht
unsterblich.

Miller.  Ich hab' sie von Gott.

Ferdinand.  Hoer' Er--Ich sag' Ihm, sie ist nicht unsterblich.  Diese
Tochter ist Sein Augapfel.  Er hat sich mit Herz und Seel' an diese
Tochter gehaengt.  Sei Er vorsichtig, Miller.  Nur ein verzweifelter
Spieler setzt Alles auf einen einzigen Wurf.  Einen Waghals nennt man
den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermoegen ladet--Hoer' Er,
denk' Er der Warnung nach--Aber warum nimmt Er Sein Geld nicht?

Miller.  Was, Herr? die ganze allmaechtige Boerse?  Wohin denken Eure
Gnaden?

Ferdinand.  Auf meine Schuldigkeit--Da!  (Er wirft den Beutel auf den
Tisch, dass Goldstuecke herausfallen.)  Ich kann den Quark nicht eine
Ewigkeit so halten.

Miller (bestuerzt).  Was beim grossen Gott?  Der klang nicht wie
Silbergeld!  (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen.)  Wie, um
aller Himmel willen, Baron?  Baron?  Wie sind Sie?  Was treiben Sie,
Baron?  Das nenn' ich mir Zerstreuung!  (Mit zusammengeschlagenen
Haenden.)  Hier liegt ja--oder bin ich verhext,--oder--Gott 
verdamm mich!  Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige
Gottesgold--Nein, Satanas!  Du sollst mich nicht daran kriegen!

Ferdinand.  Hat Er Alten oder Neuen getrunken, Miller?

Miller (grob).  Donner und Wetter!  Da schauen Sie nur hin!--Gold!

Ferdinand.  Und was weiter?

Miller.  Ins Henkers Namen--ich sage--ich bitte Sie um Gottes Christi
willen--Gold!

Ferdinand.  Das ist nun freilich etwas Merkwuerdiges.

Miller (nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend, mit Empfindung).
Gnaediger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich
etwa zu einem Bubenstueck anspannen wollen--denn so viel Geld laesst
sich, weisst Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen.

Ferdinand (bewegt).  Sei Er ganz getrost, lieber Miller.  Das Geld
hat Er laengst verdient, und Gott bewahre mich, dass ich mich mit
Seinem guten Gewissen dafuer bezahlt machen sollte.

Miller (wie ein Halbnarr in die Hoehe springend).  Mein also! mein!
Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein!  (Nach der Thuer laufend,
schreiend.)  Weib!  Tochter!  Victoria!  Herbei!  (Zurueckkommend.)
Aber du lieber Himmel!  Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem
ganzen grausamen Reichthum?  Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn?
Heh?

Ferdinand.  Nicht mit Seinen Musikstunden, Miller.--Mit dem Geld hier
bezahl' ich Ihm, (von Schauern ergriffen haelt er inn) bezahl' ich Ihm
(nach einer Pause mit Wehmuth) den drei Monat langen gluecklichen
Traum von Seiner Tochter.

Miller (fasst seine Hand, die er stark drueckt).  Gnaediger Herr!  Waeren
Sie ein schlechter, geringer Buergersmann--(rasch) und mein Maedel
liebte Sie nicht--erstechen wollt' ich's, das Maedel!  (Wieder beim
Geld, darauf niedergeschlagen.)  Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie
nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen
muessen?  Heh?

Ferdinand.  Lass Er sich das nicht anfechten, Freund--Ich reise ab,
und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel
nicht.

Miller (unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet,
voll Entzueckung).  Bleibt's also mein?  Bleibt's?--Aber das thut mir
nur leid, dass Sie verreisen--Und wart, was ich jetzt auftreten will!
Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will!  (Er setzt den Hut auf und
schiesst durch das Zimmer.)  Und auf den Markt will ich und meine
Musikstunden geben und Numero fuenfe Dreikoenig rauchen, und wenn ich
wieder auf dem Dreibatzenplatz sitze, soll mich der Teufel holen.
(Will fort.)

Ferdinand.  Bleib' Er!  Schweig' Er! und streich' Er sein Geld ein!
(Nachdruecklich.)  Nur diesen Abend noch schweig' Er und geb' Er, mir
zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr.

Miller (noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger
Freude).  Und, Herr! meine Tochter!  (Ihn werden loslassend.)  Geld
macht den Mann nicht--Geld nicht--Ich habe Kartoffeln gegessen oder
ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn
Gottes liebe Sonne nicht durch den Aermel scheint--Fuer mich ist das
Plunder--Aber dem Maedel soll der Segen bekommen; was ich ihr nur an
den Augen absehen kann, soll sie haben-Ferdinand (faellt rasch ein).
Stille, o stille-Miller (immer feuriger).  Und soll mir Franzoesisch
lernen aus dem Fundament und Menuet-Tanzen und Singen, dass man's in
den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen, wie die
Hofrathstoechter, und einen Kidebarri, wie sie's heissen, und von der
Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit-Ferdinand
(ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung).  Nichts mehr!
Nichts mehr!  Um Gotteswillen, schweig' Er still!  Nur noch heute
schweig' Er still!  Das sei der einzige Dank, den ich von Ihm fordre.



Sechste Scene.

Luise mit der Limonade, und die Vorigen.


Luise (mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem
Major das Glas auf einem Teller bringt).  Sie befehlen, wenn sie
nicht stark genug ist.

Ferdinand (nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen
Millern).  O beinahe haett' ich das vergessen!--Darf ich Ihn um etwas
bitten, lieber Miller?  Will Er mir einen kleinen Gefallen thun?

Miller.  Tausend fuer einen!  Was befehlen-Ferdinand.  Man wird mich
bei der Tafel erwarten.  Zum Unglueck hab' ich eine sehr boese Laune.
Es ist mir ganz unmoeglich, unter Menschen zu gehn--Will Er einen Gang
thun zu meinem Vater und mich entschuldigen?

Luise (erschrickt und faellt schnell ein).  Den Gang kann ja ich thun.

Miller.  Zum Praesidenten?

Ferdinand.  Nicht zu ihm selbst.  Er uebergibt Seinen Auftrag in der
Garderobe einem Kammerdiener--Zu Seiner Legitimation ist hier meine
Uhr--Ich bin noch da, wenn Er wieder kommt.--Er wartet auf Antwort.

Luise (sehr aengstlich).  Kann denn ich das nicht auch besorgen?

Ferdinand (zu Millern, der eben fort will).  Halt, und noch etwas!
Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich
eingeschlossen kam--Vielleicht dringende Geschaefte--Es geht in einer
Bestellung hin-Miller.  Schon gut, Baron!

Luise (haengt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit).  Aber,
mein Vater, Dies alles koennt' ich ja recht gut besorgen.

Miller.  Du bist allein, und es ist finstre Nacht, meine Tochter.
(Ab.)

Ferdinand.  Leuchte deinem Vater, Luise!  (Waehrend dem, dass sie
Millern mit dem Licht begleitet, tritt er zum Tisch und wirft Gift in
ein Glas Limonade.)  Ja, sie soll dran!  Sie soll!  Die obern Maechte
nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels
unterschreibt, ihr guter Engel laesst sie fahren-



Siebente Scene.

Ferdinand und Luise.

Sie kommt langsam mit dem Lichte zurueck, setzt es nieder und stellt
sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht auf den
Boden geschlagen und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm
hinueberschielend.  Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor
sich hinaus.  (Grosses Stillschweigen, das diesen Auftritt ankuendigen
muss.)


Luise.  Wollen Sie mich accompagnieren, Herr von Walter, so mach' ich
einen Gang auf dem Fortepiano.  (Sie oeffnet den Pantalon.)

(Ferdinand gibt keine Antwort.  Pause.)

Luise.  Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig.
Wollen wir eine Partie, Herr von Walter?  (Eine neue Pause.)

Luise.  Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu
sticken versprochen--ich habe sie angefangen--Wollen Sie das Dessin
nicht besehen?  (Wieder eine Pause.)

Luise.  Ich bin sehr elend!

Ferdinand (in der bisherigen Stellung).  Das koennte wahr sein.

Luise.  Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, dass Sie so
schlecht unterhalten werden.

Ferdinand (lacht beleidigend vor sich hin).  Denn was kannst du fuer
meine bloede Bescheidenheit?

Luise.  Ich hab' es ja wohl gewusst, dass wir jetzt nicht zusammen
taugen.  Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen
Vater verschickten--Herr von Walter, ich vermuthe, dieser Augenblick
wird uns Beiden gleich unertraeglich sein--Wenn Sie mir's erlauben
wollen, so geh' ich und bitte einige von meinen Bekannten her.

Ferdinand.  O ja doch, das thu'.  Ich will auch gleich gehn und von
den meinigen bitten.

Luise (sieht ihn stutzend an).  Herr von Walter?

Ferdinand (sehr haemisch).  Bei meiner Ehre! der gescheidteste Einfall,
den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann.  Wir machen aus diesem
verdriesslichen Duett eine Lustbarkeit und raechen uns mit Hilfe
gewisser Galanterieen an den Grillen der Liebe.

Luise.  Sie sind aufgeraeumt, Herr von Walter.

Ferdinand.  Ganz ausserordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter
mir her zu jagen!  Nein!  In Wahrheit, Luise! dein Beispiel bekehrt
mich--du sollst meine Lehrerin sein.  Thoren sind's, die von ewiger
Liebe schwatzen.  Ewiges Einerlei widersteht, Veraenderung nur ist das
Salz des Vergnuegens--Topp, Luise!  Ich bin dabei--Wir huepfen von
Roman zu Roman, waelzen uns von Schlamme zu Schlamm--Du dahin--ich
dorthin--vielleicht, dass meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell
wieder finden laesst--Vielleicht, dass wir dann nach dem lustigen
Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten Ueberraschung
von der Welt zum zweiten Mal aufeinander stossen, dass wir uns da an
dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter
verleugnet, wie in Komoedien wieder erkennen, dass Ekel und Scham noch
eine Harmonie veranstalten, die der zaertlichsten Liebe unmoeglich
gewesen ist.

Luise.  O Juengling!  Juengling!  Ungluecklich bist du schon; willst du
es auch noch verdienen?

Ferdinand (ergrimmt durch die Zaehne murmelnd).  Ungluecklich bin
ich?  Wer hat dir das gesagt?  Weib, du bist zu schlecht, und
selbst zu empfinden--womit kannst du eines Andern Empfindungen
waegen?--Ungluecklich, sagte sie?--Ha! dieses Wort koennte meine
Wuth aus dem Grabe rufen!  Ungluecklich musst' ich werden, das
wusste sie.  Tod und Verdammniss! das wusste sie und hat mich
dennoch verrathen--Siehe, Schlange! das war der einzige Fleck der
Vergebung--Deine Aussage bricht dir den Hals--Bis jetzt konnt'
ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschoenigen, in meiner
Verachtung waerst du beinahe meiner Rache entsprungen.  (Indem
er hastig das Glas ergreift.)  Also leichtsinnig warst du
nicht--dumm warst du nicht--du warst nur ein Teufel.  (Er
trinkt.)  Die Limonade ist matt wie deine Seele--Versuche!

Luise.  O Himmel!  Nicht umsonst hab' ich diesen Auftritt gefuerchtet.

Ferdinand (gebieterisch).  Versuche!

Luise (nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt).

Ferdinand (wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit
einer ploetzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten Winkel
des Zimmers).

Luise.  Die Limonade ist gut.

Ferdinand (ohne sich umzukehren, von Schauer geschuettelt).  Wohl
bekomm's!

Luise (nachdem sie es niedergesetzt).  O wenn Sie wuessten, Walter, wie
ungeheuer Sie meine Seele beleidigen.

Ferdinand.  Hum!

Luise.  Es wird eine Zeit kommen, Walter-Ferdinand (wieder vorwaerts
kommend).  O! mit der Zeit waeren wir fertig.

Luise.  Wo der heutige Abend schwer auf Ihr Herz fallen
duerfte-Ferdinand (faengt an staerker zu gehen und beunruhigter zu
werden, indem er Schaerpe und Degen von sich wirft).  Gute Nacht,
Herrendienst!

Luise.  Mein Gott!  Wie wird Ihnen?

Ferdinand.  Heiss und enge--Will mir's bequemer machen.

Luise Trinken Sie!  Trinken Sie!  Der Trank wird Sie kuehlen.

Ferdinand.  Das wird er auch ganz gewiss--Die Metze ist gutherzig;
doch, das sind alle!

Luise (mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend).
Das deiner Luise, Ferdinand?

Ferdinand (drueckt sie von sich).  Fort!  Fort!  Diese sanften
schmelzenden Augen weg!  Ich erliege.  Komm in deiner ungeheuern
Furchtbarkeit, Schlange! spring an mir auf, Wurm!--Krame vor mir
deine graesslichen Knoten aus, baeume deine Wirbel zum Himmel!--so
abscheulich, als dich jemals der Abgrund sah--nur keinen Engel
mehr--nur jetzt keinen Engel mehr--Es ist zu spaet--Ich muss dich
zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln--Erbarme dich!

Luise.  O! dass es so weit kommen musste!

Ferdinand (sie von der Seite betrachtend).  Dieses schoene Werk des
himmlischen Bildners--Wer kann das glauben?--Wer sollte das glauben?
(Ihre Hand fassend und emporhaltend.)  Ich will dich nicht zur Rede
stellen, Gott Schoepfer--Aber warum denn dein Gift in so schoenen
Gefaessen?--Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich
fortkommen?--O, es ist seltsam.

Luise.  Das anzuhoeren und schweigen zu muessen!

Ferdinand.  Und die suesse melodische Stimme--Wie kann so viel
Wohlklang kommen aus zerrissenen Saiten?  (Mit trunkenem Aug auf
ihrem Anblick verweilend.)  Alles so schoen--so voll Ebenmass--so
goettlich vollkommen!--Ueberall das Werk seiner himmlischen
Schaeferstunde!  Bei Gott! als waere die grosse Welt nur entstanden, den
Schoepfer fuer dieses Meisterstueck in Laune zu setzen!--Und nur in der
Seele sollte Gott sich vergriffen haben? ist es moeglich, dass diese
empoerende Missgeburt in die Natur ohne Tadel kam?  (Indem er sie
schnell verlaesst.)  Oder sah er einen Engel unter dem Meissel
hervorgehen und half diesem Irrthum in der Eile mit einem desto
schlechteren Herzen ab?

Luise.  O des frevelhaften Eigensinns!  Ehe er sich eine Uebereilung
gestaende, greift er lieber den Himmel an.

Ferdinand (stuerzt ihr heftig weinend an den Hals).  Noch einmal,
Luise!--Noch einmal wie am Tag unsers ersten Kusses, da du Ferdinand
stammeltest und das erste Du auf deine brennenden Lippen trat--O eine
Saat unendlicher, unaussprechlicher Freuden schien in dem Augenblick
wie in der Knospe zu liegen--Da lag die Ewigkeit wie ein schoener
Maitag vor unsern Augen; goldne Jahrtausende huepften, wie Braeute, vor
unsrer Seele vorbei--Da war ich der Glueckliche!--O Luise!  Luise!
Luise!  Warum hat du mir das gethan?

Luise.  Weinen Sie, weinen Sie, Walter.  Ihre Wehmuth wird gerechter
gegen mich sein, als Ihre Entruestung.

Ferdinand.  Du betruegst dich.  Das sind ihre Thraenen nicht--Nicht
jener warme, wolluestige Thau, der in die Wunde der Seele balsamisch
fliesst und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt.  Es
sind einzelne--kalte Tropfen--das schauerliche ewige Lebewohl meiner
Liebe.  (Furchtbar feierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf sinken
laesst.)  Thraenen um deine Seele, Luise--Thraenen um die Gottheit, die
ihres unendlichen Wohlwollens hier verfehlte, die so muthwillig um
das herrlichste ihrer Werke kommt--O mich daeucht, die ganze Schoepfung
sollte den Flor anlegen und ueber das Beispiel betreten sein, das in
ihrer Mitte geschieht--Es ist was Gemeines, dass Menschen fallen und
Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engel wuethet, so
rufe man Trauer aus durch die ganze Natur.

Luise.  Treiben Sie mich nicht aufs Aeusserste, Walter.  Ich habe
Seelenstaerke, so gut wie Eine--aber sie muss auf eine menschliche
Probe kommen.  Walter, das Wort noch und dann geschieden--Ein
entsetzliches Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt.
Duerft' ich den Mund aufthun, Walter, ich koennte dir Dinge sagen--ich
koennte--aber das harte Verhaengniss band meine Zunge wie meine Liebe,
und dulden muss ich's, wenn du mich wie eine gemeine Metze misshandelst.

Ferdinand.  Fuehlst du dich wohl, Luise?

Luise.  Wozu diese Frage?

Ferdinand.  Sonst sollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer
Luege von hinnen muesstest.

Luise.  Ich beschwoere Sie, Walter-Ferdinand (unter heftigen
Bewegungen).  Nein! nein!  Zu satanisch waere diese Rache!  Nein!
Gott bewahre mich!  In jene Welt hinaus will ich's nicht
treiben--Luise!  Hast du den Marschall geliebt?  Du wirst nicht mehr
aus diesem Zimmer gehen.

Luise.  Fragen Sie, was Sie wollen.  Ich antworte nichts mehr.  (Sie
setzt sich nieder.)

Ferdinand (ernster).  Sorge fuer deine unsterbliche Seele, Luise!
--Hast du den Marschall geliebt?  Du wirst nicht mehr aus diesem
Zimmer gehen.

Luise.  Ich antworte nichts mehr.

Ferdinand (faellt in fuerchterlicher Bewegung vor ihr nieder).
Luise!  Hast du den Marschall geliebt?  Ehe dieses Licht noch
ausbrennt--stehst du--vor Gott!

Luise (faehrt erschrocken in die Hoehe).  Jesus!  Was ist das?--und
mir wird sehr uebel.  (Sie sinkt auf den Sessel zurueck.)

Ferdinand.  Schon?--Ueber euch Weiber und das ewige Raethsel!  Die
zaertliche Nerve haelt Freveln fest, die die Menschheit an ihren
Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um-Luise.  Gift!
Gift!  O mein Herrgott!

Ferdinand.  So fuerchte ich.  Deine Limonade war in der Hoelle gewuerzt.
Du hast sie dem Tod zugetrunken.

Luise.  Sterben!  Sterben!  Gott Allbarmherziger!  Gift in der
Limonade und sterben!--O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer!

Ferdinand.  Das ist die Hauptsache.  Ich bitt' ihn auch darum.

Luise.  Und meine Mutter--mein Vater--Heiland der Welt!  Mein armer,
verlorener Vater!  Ist keine Rettung mehr?  Mein junges Leben, und
keine Rettung!  Und muss ich jetzt schon dahin?

Ferdinand.  Keine Rettung, musst jetzt schon dahin--aber sei ruhig.
Wir machen die Reise zusammen.

Luise.  Ferdinand, auch du!  Gift, Ferdinand!  Von dir!  O Gott,
vergiss es ihm--Gott der Gnade, nimm die Suende von ihm-Ferdinand.
Sieh du nach deinen Rechnungen--Ich fuerchte, sie stehen uebel.

Luise.  Ferdinand!  Ferdinand!--O--Nun kann ich nicht mehr
schweigen--Der Tod--der Tod hebt alle Eide auf--Ferdinand!--Himmel
und Erde hat nichts Unglueckseligeres als dich!--Ich sterbe unschuldig,
Ferdinand.

Ferdinand (erschrocken).  Was sagt sie da?--Eine Luege pflegt man doch
sonst nicht auf diese Reise zu nehmen?

Luise.  Ich luege nicht--luege nicht--hab' nur einmal gelogen mein
Lebenlang--Huh! wie das eiskalt durch meine Adern schauert--als ich
den Brief schrieb an den Hofmarschall-Ferdinand.  Ha!  Dieser Brief!
--Gottlob!  Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder.

Luise (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu
zucken).  Dieser Brief--Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu
hoeren--Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte--dein Vater hat
ihn dictiert.

Ferdinand (starr und einer Bildsaeule gleich, in langer todter Pause
hingewurzelt, faellt endlich wie von einem Donnerschlag nieder).

Luise.  O des klaeglichen Missverstands--Ferdinand--man zwang
mich--vergib--deine Luise haette den Tod vorgezogen--aber mein
Vater--die Gefahr--sie machten es listig.

Ferdinand (schrecklich emporgeworfen).  Gelobet sei Gott! noch spuer'
und das Gift nicht.  (Er reisst den Degen heraus.)

Luise (von Schwaeche zu Schwaeche sinkend).  Weh!  Was beginnst du?  Es
ist dein Vater-Ferdinand (im Ausdruck der unbaendigsten Wuth).  Moerder
und Moerdervater!--Mit muss er, dass der Richter der Welt nur gegen den
Schuldigen rase.  (Will hinaus.)

Luise.  Sterbend vergab mein Erloeser--Heil ueber dich und ihn (Sie
stirbt.)

Ferdinand (kehrt schnell um, wird ihre letzte sterbende Bewegung
gewahr und faellt in Schmerz aufgeloest vor der Todten nieder).  Halt!
Halt!  Entspringe mir nicht, Engel des Himmels!  (Er fasst ihre Hand
an und laesst sie schnell wie fallen.)  Kalt, kalt und feucht!  Ihre
Seele ist dahin.  (Er springt wieder auf.)  Gott meiner Luise!  Gnade!
Gnade dem verruchtesten der Moerder!  Es war ihr letztes Gebet!--Wie
reizend und schoen auch ihr Leichnam!  Der geruehrte Wuerger ging
schonend ueber diese freundlichen Wangen hin--Diese Sanftmuth war
keine Larve, sie hat auch dem Tod Stand gehalten.  (Nach einer Pause.)
Aber wie?  Warum fuehl' ich nichts?  Will die Kraft meiner Jugend
mich retten?  Undankbare Muehe!  Das ist meine Meinung nicht.  (Er
greift nach dem Glase.)



Letzte Scene.

Ferdinand.  Der Praesident.  Wurm und Bediente, welche alle voll
Schrecken ins Zimmer stuerzen, darauf Miller mit Volk und
Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln.


Praesident (den Brief in der Hand).  Sohn, was ist das?--Ich will doch
nimmermehr glauben-Ferdinand (wirft ihm das Glas vor die Fuesse).  So
sieh, Moerder!

Praesident (taumelt hinter sich.  Alle erstarren.  Eine schreckhafte
Pause.)  Mein Sohn, warum hast du mir das gethan?

Ferdinand (ohne ihn anzusehen).  O ja freilich!  Ich haette den
Staatsmann erst hoeren sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten
passe?--Fein und bewundernswerth, ich gesteh's, war die Finte, den
Bund unsrer Herzen zu zerreissen durch Eifersucht--Die Rechnung hatte
ein Meister gemacht, aber Schade nur, dass die zuernende Liebe dem
Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hoelzerne Puppe.

Praesident (sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum).  Ist
hier Niemand, der um einen trostlosen Vater weint?

Miller (hinter der Scene rufend).  Lasst mich hinein!  Um Gottes
willen!  Lasst mich!

Ferdinand.  Das Maedchen ist eine Heilige--fuer sie muss ein Anderer
rechten.  (Er oeffnet Millern die Thuere, der mit Volk und
Gerichtsdienern hineinstuerzt.)

Miller (in der fuerchterlichsten Angst).  Mein Kind!  Mein Kind!
--Gift--Gift, schreit man, sei hier genommen worden--Meine Tochter!
Wo bist du?

Ferdinand (fuehrt ihn zwischen den Praesident und Luisens Leiche).  Ich
bin unschuldig--Danke Diesem hier.

Miller (faellt an ihr zu Boden).  O Jesus!

Ferdinand.  In wenig Worten, Vater--Sie fangen an mir kostbar zu
werden--Ich bin buebisch um mein Leben bestohlen, bestohlen durch Sie.
Wie ich mit Gott stehe, zittre ich--doch ein Boesewicht bin ich
niemals gewesen.  Mein ewiges Loos falle, wie es will--auf Sie fall'
es nicht--Aber ich hab' einen Mord begangen, (mit furchtbar erhobener
Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirst, allein vor den
Richter der Welt hinzuschleppen.  Feierlich waelz' ich dir hier die
groesste, graesslichste Haelfte zu; wie du damit zurecht kommen magst,
siehe du selber.  (Ihn zu Luisen hinfuehrend.)  Hier, Barbar!  Weide
dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht
ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Wuergengel werden
ihn lesen--Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette,
wenn du schlaefst, und gebe dir ihre eiskalte Hand--Eine Gestalt wie
diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und draenge dein
letztes Gebet weg--Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe,
wenn du auferstehst--und neben Gott, wenn er dich richtet.  (Er wird
ohnmaechtig.  Bediente halten ihn.)

Praesident (eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel).
Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen,
von Diesem!  (Er geht auf Wurm zu.)

Wurm (auffahrend).  Von mir?

Praesident.  Verfluchter, von dir!  Von dir, Satan!--Du, du gabst den
Schlangenrath--Ueber dich die Verantwortung--ich wasche die Haende.

Wurm.  Ueber mich?  (Er faengt graesslich an zu lachen.)  Lustig!
Lustig!  So weiss ich doch nun auch, auf was Art sich die Teufel
danken.--Ueber mich, dummer Boesewicht?  War es mein Sohn?  War ich
dein Gebieter?--Ueber mich die Verantwortung?  Ha! bei diesem Anblick,
der alles Mark in meinen Gebeinen erkaeltet!  Ueber mich soll sie
kommen!--Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir
sein--Auf!  Auf!  Ruft Mord durch die Gassen!  Weckt die Justiz auf!
Gerichtsdiener, bindet mich!  Fuehrt mich von hinnen!  Ich will
Geheimnisse aufdecken, dass Denen, die sie hoeren, die Haut schauern
soll.  (Will gehen.)

Praesident (haelt ihn).  Du wirst doch nicht, Rasender?

Wurm (klopft ihn auf die Schulter).  Ich werde, Kamerad!  Ich werde!
--Rasend bin ich, das ist wahr--das ist dein Werk--so will ich auch
jetzt handeln wie ein Rasender--Arm in Arm mit dir zum Blutgeruest!
Arm in Arm mit dir zur Hoelle!  Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir
verdammt zu sein!  (Er wird abgefuehrt.)

Miller (der die ganze Zeit ueber, den Kopf in Luisens Schooss gesunken,
in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft dem Major
die Boerse vor die Fuesse).  Giftmischer!  Behalt dein verfluchtes Gold!
--wolltest du mir mein Kind damit abkaufen?  (Er stuerzt aus dem
Zimmer.)

Ferdinand (mit brechender Stimme).  Geht ihm nach!  Er
verzweifelt--Das Geld hier soll man ihm retten--Es ist meine
fuerchterliche Erkenntlichkeit.  Luise!--Luise!--Ich komme--Lebt
wohl--Lasst mich an diesem Altar verscheiden-Praesident (aus einer
dumpfen Betaeubung zu seinem Sohn).  Sohn Ferdinand!  Soll kein Blick
mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen?  (Der Major wird neben
Luisen niedergelassen.)

Ferdinand.  Gott dem Erbarmenden gehoert dieser letzte.

Praesident (in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend).
Geschoepf und Schoepfer verlassen mich--Soll kein Blick mehr zu meiner
letzten Erquickung fallen?

Ferdinand (reicht ihm seine sterbende Hand).

Praesident (steht schnell auf).  Er vergab mir!  (Zu den Andern.)
Jetzt euer Gefangener!  (Er geht ab, Gerichtsdiener folgen ihm, der
Vorhang faellt.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kabale und Liebe, von Friedrich
Schiller.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE ***

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